Karteninterpretation - Blatt L3924 Hildesheim

5. Anthropogeographischer Überblick
    5.2. Ortsnamen

Stefan Engfer - Ties Hildebrand - Erik Larsen - Gunnar Markus



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1. Aufgabenstellung

2. Einordnung des Kartenblattes

3. Allgemeine Blattbeschreibung

4. Physischgeographischer Überblick
    4.1. Geologie
    4.2. Hydrologie
    4.3. Böden
    4.4. Vegetation und Landwirtschaft
    4.5. Rohstoffe

5. Anthropogeographischer Überblick
    5.1. Siedlungsgenese des Raumes
    5.2. Ortsnamen
    5.3. Siedlungsformen
    5.4. Hildesheim:
        5.4.1. Historische Stadtentwicklung
        5.4.2. Funktionale Gliederung
    5.5. Verkehrswegenetz
    5.6. Siedlungsentwicklung
    5.7. Raumordnung und Raumplanung

6. Teilsynthesen
    6.1. Physische Gunsträume und
    Siedlungsentwicklung
    6.2. Allgemeine Topographie und
    historische Stadtentwicklung Hildesheim
    6.3. Geologie und Gewässer- /
    Verkehrswegenetz
    6.4. Naturraumpotential und
    Naherholungsgebiete
    6.5. Landnutzung und
    Siedlungsentwicklung
    6.6. Bodennutzung und Wirtschaft /
    Industrie
    6.7. Infrastruktur und Wirtschaft /
    Industrie
    6.8. Bodengüte und Status
    der Bevölkerung

7. Gesamtsynthese

8. Literaturverzeichnis

9. Benutzte Karten

10. Angang: Die Karten und Profile
     10.1. Bodenarten und Bodentypen
     10.2. Gewässernetz
     10.3. Höhenschichten und
     Gewässernetz
     10.4. Höhenschichten mit
     Siedlungsflächen und Verkehr
     10.5. Potentielle Vegetationsdecke
     und aktuelle Waldbedeckung
     10.6. Siedlungsflächen und
     Verkehrswege
     10.7. Entwicklung des
     Gewässernetzes im Leinetal
     10.8. Profilschnitte 1,2,3 und 6
     10.9. Profilschnitte 4 und 5
     10.10. Profil G, Abschnitt 1 und 2
     10.11. Untersuchungsgebiet in
     Google™ Maps

 

In diesem Zusammenhang können die Ortsnamen und damit auch die Siedlungsbezeichnungen wertvollen Beitrag zur Analyse des Kultur- und Landschaftsraumes leisten. Unter Zuhilfenahme der Angaben BERGERS lassen sich nämlich aufgrund bestimmter Suffixe des jeweiligen Wortstammes Vermutungen äußern, die helfen können, die Gründungszeit einer Siedlung zu fassen. Bei aller Vorsicht − da im Grunde jeder ursprüngliche einzelne Siedlungsund Ortsname berücksichtigt werden müßte, um Fehlinterpretationen zu vermeiden − ist es mit dieser Methode möglich, zu generalisierenden Aussagen über das Alter der betrachteten Dörfer und Städte zu machen.

Auf der Karte Siedlungsflächen und Verkehrswege sind neben erstgenannten auch Ortsnamengruppen ausgewiesen. Anhand der Fragestellung, ob sich gewisse Suffixe häufen und sich daher allgemeine Vermutungen über das Alter der Siedlungen treffen lassen, wurde versucht die vorhandenen Ortsbezeichnungen logisch zu gruppieren.

Verhältnismäßig oft ist die Endung -um zu finden. Bei Überprüfung dieses Sachverhalts wird klar, daß -um die abgeschleifte Form von -heim ist. Das -heim bedeutet soviel wie “Haus, Wohnort”. Die Orte sind erst nach der Völkerwanderungszeit zu fassen, können also frühestens ab 500 n.Chr. gegründet worden sein.7

Das Suffix -hausen ist, wie auch das verkümmerte -sen, eine Namengebung, die wahrscheinlich aus der Zeit ab 500 bis 800 n.Chr. stammt; es kann mit “bei den Häusern” bestimmt werden und ist auf dem Kartenblatt 15 mal zu finden.

Die -berg und damit auch die etymologisch verwandten -burg-Orte haben oft den Namen der tatsächlichen Burg benutzt. Grundsätzlich wurde die Wortendung von den Römern übernommen, da aber auch oft ersterer Fall zu finden ist, sollte nach Auffassung der Interpreten die Gründungszeit erst ab 800 n.Chr. begonnen haben.

Eine ähnliches Alter wie die -heim und -hausen-Siedlungen weisen die -stedt-Orte auf. Sie gelten als Gründungen ab 500 bis ca. 800 n. Chr., wobei ihr Suffix mit “Standort, Stelle” zu deuten ist. Insgesamt acht -stedt-Endungen können auf dem Ausschnitt nachgewiesen werden. Die -rode/-holzen/-hagen-Bezeichnungen kann man anhand ihres Namens recht sicher einordnen. Sie sind meist Rodungsorte, befinden sich also auf ehemaligen bewaldeten Flächen in den höheren Lagen. Ihre Siedlungsperiode wird ab 800 bis nahezu 1400 n.Chr. festgesetzt.

Ein Großteil der Siedlungen wurde nicht zugeordnet, da es keine klaren Hinweise auf das Alter respektive auf den ursprünglichen Wortstamm gab. Es liegt nahe, daß die häufig auftretende Endung -e eine mundartlich abgeschleifte Form von -heim sein könnte (Mehle, Sehlde, Eime etc.). Jedoch gibt es hierfür keine sicheren Anzeichen, so daß Fehlschlüsse grundsätzlich vermieden werden sollten.

Aufgrund der Einteilung in Ortsnamengruppen läßt sich feststellen, daß die Siedlungen mit den Wortendungen -heim/-um, -hausen/-sen und -stedt als die älteste Ortsnamensschicht angesehen werden können. Da jedoch der heutige Raum Hildesheim im frühen Mittelalter sächsisches Stammland war, und besonders die -heim-Siedlungen der fränkischen Ausbauzeit zuzurechnen sind 8, ist mit einer ersten Gründungsphase unter Berücksichtigung des fränkisch- sächsischen Gegensatzes nicht vor dem 6. bis 7. Jahrhundert zu rechnen. Dabei ist zu beachten, daß auch die Franken ältere Vorläufersiedlungen übernommen haben. Als möglicherweise zeitlich nachstehend werden damit die Ortsnamen auf -burg/-berg gewertet. Die mit Sicherheit jüngste Siedlungsschicht stellen die Rodungsorte dar, die vielleicht erst während der großen Rodungswelle des 11. oder 12. Jahrhunderts zu greifen sind (besonders vielleicht die Endung -hagen als Siedlungsbezeichnung ab 1200 n.Chr.).

Wüstungen

Die Altersangaben der Siedlungen haben erkennen lassen, daß der Interpretationsraum schon im frühen Mittelalter in starkem Ausmaße besiedelt war. In diesem Kontext ist zu erwähnen, daß es zu einem späteren Zeitpunkt noch zu analysieren gilt, inwieweit die Verkehrsverläufe zu Lande und zu Wasser (z.B. als Siedlungsleitlinien) die Kulturlandschaftsgeschichte beeinflußten.

Es ist daher an dieser Stelle die Frage wieder aufzunehmen, ob es Hinweise auf eine Diskontinuität der Besiedlung des Raumes gibt. In der Interpretationskarte 1 : 50 000 konnten von den Verfassern keine offensichtlichen Anzeichen auf eine Besiedlungsunterbrechung aufgedeckt werden, so daß erneut die genaueren Topographischen Karten 1 : 25 000 zu Hilfe genommen wurden.

So findet sich etwa 500 m westlich von Groß Giesen die Angabe “Wüste Mark Beelte”, ca. 2 km östlich Sehlde an der B 3 der Hinweis auf die “Wüstung Aasmer Feld”. Wüstungen respektive komplette Ortswüstungen können als aufgegebene, verlassene und im schlimmsten Fall untergegangene Orte und Siedlungen aufgefaßt werden. Es läßt sich also anhand dieser zwei Angaben mutmaßen, daß es in diesem Raum eine Diskontinuität der Besiedlung gegeben haben könnte. Dieser Betrachtungsraum war denn auch besonders von den Pestwellen seit den 1350er Jahren als auch später von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges betroffen, so daß die geäußerte Vermutung schlüssig erscheint.

Auffällig ist jedoch, daß die sicheren Wüstungshinweise doch in geringer Zahl auftreten, welches vermuten läßt, daß viele der verlassenen Siedlungen im Laufe der Zeit wieder aufgebaut und bewohnt wurden sowie auch die jüngeren Rodeorte in höheren und vermeintlich ungünstigeren Lagen ihre alte Funktion zurückerhielten. Die Verfasser dieser Arbeit begründen dies mit dem Umstand, daß aufgrund der hohen Bodengüte und -qualität (Lößböden) die Menschen bis heute von diesen Vorzügen profitieren und folglich sich auch erneut in diesem Raum niederließen.


7 PATZE, S. 245
8 BERGER, S. 130


KARTENINTERPRETATION BLATT L3924 HILDESHEIM • Stefan Engfer - Ties Hildebrand - Erik Larsen - Gunnar Markus • 1998


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