Freitag, 03. Oktober 1997

Islamabad - Tarbela - Abbottabad - Besham

Christiane Heer, Jan Zellmer

 
Die genaue Positionsbestimmung mittels Global Positioning System (GPS) am Hotel „Regency“ in Islamabad ergab am Morgen 33° 41’ 35,4“ nördliche Breite und 73° 06’ 33,9“ östlicher Länge.

Die Strecke des Tages führte von Islamabad auf der Grand-Trunk-Road über den Margala-Paß, vorbei an Taxila und Hasan Abdal nach Tarbela zum Tarbela-Staudamm. Dann ging es dieselbe Strecke zurück bis Hasan Abdal, wo es dann Richtung Nordosten nach Haripur und Havelian ging, wo der Karakorum Highway beginnt. Die Strecke führte weiter über Abbottabad, Mansehra, Baffa und Besham Qila, der Endstation des Tages.

Am Morgen setzte leichter Regen ein, obwohl die Monsunzeit schon fast abgeklungen war. Am Gebirgsrand kommt es aber leichter zu Niederschlägen als in der Ebene, wo es nur zu Quellbewölkung kommt. Von Islamabad führt die Straße zunächst Richtung Südwesten (nordwestlich an Rawalpindi vorbei), wo sie dann nach 14 km auf die Grand-Trunk-Road (GT) stößt. Die GT ist eine Ostsüdost - Westnordwest-Straße, die als eine der wichtigsten Straßen Pakistans die Städte Lahore, Rawalpindi und Peshawar verbindet. Es sind noch Überreste der alten GT aus der Moghulzeit, u.a. am Margala-Paß, sichtbar. Heute ist die Straße z.T. vierspurig, die Geschwindigkeitsbegrenzung liegt bei 80 km/h. Die Vegetation am Straßenrand bestand aus aus Amerika importierten Agaven, Kiefern und Eukalyptusbäumen. Letztere sind zwar schnell wachsend und haben einen geringen Wasserbedarf (sie sind also gut an die Region angepaßt), durch das nur schlecht verrottende Laub der Bäume wird allerdings der Rohhumusboden abgedeckt, was zu einer Verarmung der Böden führt.

Nach ca. 10 km auf der GT war der Margala-Paß erreicht. Der Margala-Paß liegt auf 747 m über NN in den Margala-Hills. Am Margala-Paß war das Nicholson-Monument zu sehen. Nicholson war ein britischer General in der Mitte des 19. Jahrhunderts, und das Monument erinnert an eine kriegerische Auseinandersetzung britischer Soldaten (angeführt von Nicholson) mit dem Sikh-Königreich. Das Monument macht deutlich, daß die Pakistani ein unproblematisches Verhältnis zu ihrer britischen Geschichte haben. 

PakistanDie Strecke vom Margala-Paß nach Tarbela führte vorbei an Taxila. Dort wird am Khanpur-Damm ein Trinkwasser- und Bewässerungssee aufgestaut. Zu sehen waren an der Strecke Lößablagerungen aus dem Pleistozän, sowie der Anbau von Mais und Orangenbäumen. Taxila ist eine der wichtigsten archäologischen Fundstätten Pakistans. 1913 wurde unter dem Briten Sir John Marshall die erste systematische Ausgrabung vorgenommen. Erstmals erwähnt wird Taxila im 7. Jahrhundert v.Chr., als Stadt des Königreiches Gandhara. Später gewann und verlor Taxila als Handels- und geistige Metropole an Einfluß.

Westlich von Hasan Abdal haben wir die GT verlassen und sind Richtung Nordosten nach Tarbela und zum Tarbela-Staudamm gefahren. Der Tarbela-Staudamm wird von der WAPDA (Water and Power Development Authority) betrieben und ist nach Aussage eines für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlichen Mitarbeiters eines der größten Wasserstauprojekte der Welt. Staudammprojekte (neben dem Tarbela-Damm, der den Indus aufstaut, ist der zweitgrößte der Mangla-Damm, der den Jhelum aufstaut, ca. 100 km südöstlich von Rawalpindi) wurden in Pakistan notwendig, nachdem es nach der Unabhängigkeit Pakistans und Indiens 1947 Streitigkeiten über die östlichen Flüsse Pakistans (Ravi, Beas, Sutlej) gab. Indien hatte die Flüsse abgesperrt und damit hauptsächlich der bevölkerungsreichen Provinz Punjab die Bewässerungsgrundlagen entzogen. Dieser Disput wurde 1960 in einem Vertrag beigelegt, in dem Pakistan die drei Flüsse Indus, Jhelum und Chenab und Indien die drei Flüsse Ravi, Beas und Sutlej zugesprochen und damit die Verfügungsrechte über das Wasser verteilt wurden. Außerdem wurde darin die Nutzung der östlichen Flüsse durch Pakistan geregelt. Damit Pakistan künftig aber unabhängig von (den Launen) Indien(s) war, wurden die Staudammprojekte in Angriff genommen. Durch sie sollte die Bewässerung, die ursprünglich durch die drei östlichen Flüsse erfolgte, durch die drei westlichen Flüsse sowie durch ein Verbindungskanalsystem stattfinden.

Der Tarbela-Damm, der ursprünglich der Bewässerung diente, dient heute hauptsächlich zur Energiegewinnung. Das Tarbela-Staudammprojekt wurde 1968 gestartet, 1974 war der Bau abgeschlossen. Der Damm ist der größte erd- und steingefüllte Damm der Welt. Der Hauptdamm ist 143 m hoch und 2743 m lang. Neben dem Hauptdamm gibt es noch zwei Hilfsdämme, die das Problem der Sedimentation verkleinern. Der Hauptdamm hat zwei Überlaufrinnen, durch welche 42.500 cm³ Wasser pro Sekunde abfließen können, außerdem fünf Tunnel für die Freisetzung von Bewässerungswasser und die Erzeugung von elektrischem Strom. Der Hauptdamm ist so konzipiert, daß er ein Jahrhunderthochwasser von 19.000 m³ Wasser aushalten kann. Der Stausee hat eine Größe von 260 km² und ein Fassungsvermögen von 14 Mio. m³ Wasser. Der See ist besonders voll nach der Schneeschmelze im Hochgebirge im Juni und Juli und nach der Monsunzeit. Anfang Oktober war der See noch bis zu einem Meter unter dem höchsten Seewasserspiegel gefüllt. In dem Stausee sammeln sich täglich 550.000 t Sedimente, heran getragen mit dem Induswasser. Das bedeutet, daß die Auffüllung des Sees mit Sedimenten das größte Problem des Staudammprojektes darstellt und damit auch die Lebensdauer des Projektes begrenzt. Die Lebensdauer wurde in jüngster Zeit auf 83 Jahre kalkuliert (ursprünglich 55 Jahre), was bedeutet, daß im Jahre 2057 das Projekt endet. Bis dahin ist Zeit, am Problem der Sedimentation und an neuen Staudammprojekten zu arbeiten. 

Pakistan - Tarbela-Staudamm -Die mit Wasserkraft erzeugte Energie aus dem Tarbela-Staudamm stellt rund 45 % der gesamten Energie Pakistans. Die Energie wird u.a. bis Karachi weitergeleitet. Wasserkraft ist in Pakistan (neben Erdgas) der wichtigste Energieträger. Allerdings ist die energetische Abhängigkeit des Landes von der Wasserkraft problematisch, da 1. die Erschließung weiterer Kraftwerke regional begrenzt und 2. die Wasserkraft stark witterungsabhängig ist (in Trockenmonaten kommt es zu sehr unregelmäßiger Energieerzeugung). Dies führt auch zu Konflikten zwischen den Nutzungen Bewässerung und Energiegewinnung, da in trockeneren Monaten zur Energiegewinnung Wasser im Reservoir zurückgehalten wird, welches wiederum zur Bewässerung fehlt. Grob vereinfacht läßt sich sagen, daß der Damm im Winter hauptsächlich der Energiegewinnung dient, während er im Sommer hauptsächlich für die Bewässerung genutzt wird. In Tarbela gibt es zwei Kraftwerke (das erste von 1974, das zweite von 1992/93, die zusammen eine installierte Leistung von rund 3500 MW haben. Zum Vergleich: ein mittelgroßes Atomkraftwerk in Deutschland (z. B. Brunsbüttel)) hat eine installierte Leistung von 1300 MW. D.h., Tarbela hat also die Leistung von ca. 2,5 mittleren Atomkraftwerken. Allerdings wird mit der Tarbela-Energie 45% des gesamten Energiebedarfs Pakistans abgedeckt, während drei mittelgroße Atomkraftwerke gerade den Energiebedarf von Hamburg und Umland abdecken.

Die aktuelle Leistung des Tages in Tarbela betrug 2300 MW. Im Generatorhaus findet eine Transformation von 13,8 auf 220 V statt. Insgesamt arbeiten am Tarbela-Damm 5000 Menschen (2000 in der Energie-, 3000 in der Wasserversorgung). Er ist damit der größte Arbeitgeber in der Region.

Das ganze Projekt wurde von der Weltbank finanziert und hat 1,75 Mrd. US$ gekostet. Es ist mit viel ausländischem (u.a. Japan, Kanada, Italien, Frankreich, Deutschland) technischem Gerät und Know-how realisiert worden. Allgemein wird gesagt, daß trotz der Umsiedlung von 120 Dörfern und deren 106.000 Einwohnern, die positiven Auswirkungen des Projektes eindeutig überwiegen, in dem es Pakistans Ökonomie und Landwirtschaft gestärkt hat.

Nachdem wir eine kurze Besichtigungsfahrt über den Damm abgeschlossen hatten, machten wir uns auf den Weg Richtung Besham Qila. Der direkte Weg nach Haripur, so wurde uns am Tarbela-Damm mitgeteilt, wäre in zu schlechtem Zustand, so daß wir den Umweg über Hasan Abdal in Kauf nehmen mußten. Auf dem Weg von Hasan Abdal nach Haripur säumten Mais-, Hirse- und Zuckerrohrfelder die Straße. Vereinzelt, aber vor allem in kleinem Maßstab, konnte man Blumenkohlfelder sehen. Auf dem Weg lagen viele Ziegeleien, die mit ihren Schornsteinen die Landschaft prägen. Da es keine Steine in ausreichendem Maß in der Natur gibt, werden in dieser Region sehr viele Lehmziegeleien benötigt. Nach einiger Zeit, in der die Straße von dichter Vegetation umgeben war, erreichten wir Hazara, die zur Zeit der Sikh-Herrschaft das Zentrum von Hazara darstellte. Hinter Haripur ging es Richtung Osten bzw. Nordosten nach Abbottabad. Auf den Feldern sah man vor allem Mischkulturen. Auf der einen Seite Hirse und Hülsenfrüchte, auf der anderen Seite Blumenkohl und Mais. Die Eisenbahnlinie, die uns ab Haripur begleitete, endet in Havelian, von wo aus der Karakorum Highway beginnt. Dieser ist in gutem Zustand, da er eine neu gestaltete Strecke darstellt. Die Regenwahrscheinlichkeit wird vor Abbottabad höher, da es aufgrund des immer höher werdenden Reliefs zu einer verstärkten Labilisierung der Luftschichten kommt. Dann kamen wir durch Abbottabad, das 1220 m über NN liegt und nach dem Briten Sir James Abbott benannt wurde, der 1849 militärischer Berater der Pathanenstämme im 2. Großen Krieg gegen die Sikhs war.

Die Vegetation ändert sich nach Norden hin. Nun herrschen zwei Bäume vor: 1. die Fichte Pinus roxburghii und 2. der Götterbaum Ailantus altissima. Geologisch ist auf der Strecke von Abbottabad nach Norden ein Wechsel der Formationen zu beobachten. Hier wird die Tanawal-Formation mit ihren metamorphen präkambrischen Sedimenten von den Swat- und Mansehra-Graniten mit deutlicher Wollsackverwitterung abgelöst. Dies ist der Bereich der Hauptmantelüberschiebung [= Main Mantle Thrust (MMT)], in deren Norden sich der Kohistan-Island-Arc-Komplex befindet, in dessen Norden sich die indische Platte unter die eurasische Platte schiebt.

26 km hinter Abbottabad kamen wir nach Mansehra, das sich mit seinen 40.000 Einwohnern überwiegend vom Handel ernährt und ein Schmelztiegel vieler verschiedener Volksgruppen, z.B. Pashtunen, Kashmiris, Punjabis und Afghanen, ist.
Über Baffa, Batgram, Thakot und Shiwi, wo verstärkt Tee- und Reisanbau betrieben wird, erreichten wir am Abend Besham Qila, das sich in den 70er Jahren zu einem Hauptversorgungsstützpunkt für die Bergstämme der umliegenden Täler entwickelte, und diese Position noch heute innehat.

LITERATUR:
1.  Bender, F. K. und Raza, H. A. (Hrsg.) (1995): Geology of Pakistan. Beiträge zur regionalen Geologie der Erde. Gebrüder Borntraeger. Berlin. Stuttgart.
2.  Beek, Michael (1996): Pakistan - Land, Geschichte, Natur. Manstedt Verlag. Marquartstein.
3.  WAPDA (Hrsg.): Informationsbroschüre zum Tarbela-Damm-Projekt.


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