Samstag, 04. Oktober 1997

Fahrt von Besham via Chilas nach Gilgit

Thorsten Andresen; Thorsten Eckstein

 
Von besonderer Bedeutung an diesem Tag ist die zu beobachtende Änderung der Umgebung auf dieser Strecke, von feuchtem (humidem) Klima, 1000 mm Niederschlag in Besham, in das sehr trockene Klima einer Hochwüste bei Gilgit. Sehr auffällig dabei ist die Änderung der Vegetation von pinus roxburghii, Eukalyptus und Götterbaum (Ailantus) über immergrüne Gewächse wie quercus ilex und Oleander bis zu fast wüstenhafter Vegetation etwa ab Basha.

Geologisch kommen wir auf dieser Strecke aus den alten Gesteinen des Himalaja in die vergleichsweise jungen Intrusivgesteine des Kohistan Island Arc. Geomorphologisch befinden wir uns lange Zeit im Druchbruchstal des Indus, das besonders in der Nähe des Tschurnala-Tals ein sehr tiefes und schmales charakteristisches Kerbtal bildet. Diese Talform ändert sich drastisch, wenn der Indus quasi nach Osten abbiegt und einer großen Störung folgt.

Besham befindet sich geologisch gesehen in der Besham Group, die überwiegend aus Graniten und Glimmerschiefern besteht. Die für Granite typische Wollsackverwitterung diente uns dabei als Bestimmungsmerkmal. Bei der Überquerung eines der Nebenflüsse des Indus (hier der Kahn Quar River) wird deutlich, daß diese zum Teil sehr große Feststoffrachten aus den Bergen in den Indus einbringen. Diese bilden knapp unterhalb der Mündung des Nebenflusses häufig Schwellen (z.B. größere Felsbrocken) als Akkumulationsform, was im Indus selbst zu Turbulenzen führt. An diesen Stellen kann man in dieser Jahreszeit häufig sehr gut verschiedene Wasserfarben beobachten (Nebenfluß türkis, Indus braun), die als Zeichen wesentlich geringerer Sedimentfracht der Zuflüsse verstanden werden können.

Die Vegetation als direkt beobachtbarer Ausdruck des Klimas besteht hier überwiegend aus zahlreichen Zierpflanzenarten, Eukalyptus, Götterbaum und der Kiefernart pinus roxburghii. Die baumlosen Berghänge sind hier kein Zeichen für Trockenheit, sondern für die stark fortgeschrittene Entwaldung infolge des hohen Feuerholzbedarfes der dort lebenden Menschen.

Nach etwa einer halben Stunde Fahrt tritt eine neue Pflanze, ein kleiner hellgrüner Busch (dodonea viscosa) in Erscheinung als erstes Kennzeichen für das sich verändernde Klima. Die charakteristischen Bäume dieser Gegend sind quercus ilex (Steineiche) und Oleander.

In dieser Region ist in der Landwirtschaft noch keine Bewässerung zu beobachten, hier sind mit Trockenfeldbau noch genügend Ernteerträge zu erzielen.

Im weiteren Verlauf der Strecke erreichen wir die Region Kohistan in der North West Frontier Province (NWFP) mit der Hauptstadt Dasu. Auffällig am Verlauf des Durchbruchstals des Indus sind besonders gradlinige Abschnitte, in denen der Indus bestehenden Verwerfungen oder Bruchzonen folgt.

Gegen 09.00 Uhr in der Nähe des Ortes Jajail gelangt man geologisch in den Bereich der Gesteine des Kohistan Island Arcs. Damit haben wir inzwischen eine tektonische Grenze, den Main Mantle Thrust überschritten. Diese ist nicht deutlich sondern nur anhand der Gesteinsunterschiede von den Metasedimenten des vorderen Himalaja (z.B. Glimmerschiefer) hin zu den hochmetamorphen Gesteinen des Kohistan Island Arcs (z.B. gebänderte Amphibolite) zu erkennen.

In dieser Gegend um Patan gab es am 06.05.1974 ein Erdbeben, das einen Erdrutsch auslöste, welcher knapp an einem Lager von chinesischen Arbeitern des Karakorum Highway vorbei ging. Charakteristische Pflanzen sind hier Steineiche und Ölbaum (olea), die Hänge sind wieder stärker bewaldet, der Feuerholzbedarf scheint hier weniger groß zu sein.

Im Kayal Khar Nebental sahen wir ein kleines, nicht mehr in betrieb befindliches Wasserkraftwerk. Dieses Bestand aus den wesentlichen Komponenten, nämlich „intake of water“, dem sog. „headrace“, den Druckrohren (*Turbinenhaus) und dem Überlauf. Ein Kraftwerk dieser Größe hat üblicherweise eine Kapazität von 200 bis 250 kW. Der Indus ist an dieser Stelle sehr schmal und tief mit starker Strömung, die geführte Wassermenge entspricht hier aber in etwa der des Rheins bei Emmerich. Das Klima wird trockener, die Niederschlagshöhe beträgt hier nur noch etwa 700 mm im Jahr, der vorherrschende Baum ist die Steineiche.  

Pakistan - Wasserkraftwerk -Wir erinnern uns zwar nicht mehr so genau, aber ungefähr um 10h46’34.15’’ fahren wir durch Dasu, den Hauptort der Provinz Kohistan. Hier tritt immer häufiger Oleander auf, was sehr charakteristisch für zunehmende Trockenheit ist. Dodonea viscosa ist schon länger verschwunden. Etwa ab Barsin sind auch die letzten Steineichen nicht mehr zu entdecken. Die beobachtbare Baumgrenze lag hierbei ca. 4000 Metern.

Schon vor der Mündung des Kandia Rivers (11.30 Uhr) beobachteten wir, daß die Baumvegetation nicht mehr bis zum Indusufer hinunterreichte. Das Tal im Flußniveau ist jetzt so trocken, daß nur noch Sträucher und Büsche bis an das Wasser heranreichen.

Die Bäume der oberen Berghänge sind so groß, daß sich eine „Holzindustrie“ entwickeln konnte, was an einigen Holzlagerplätzen  zu sehen ist.

Mit der Änderung des Verlaufs des Indus von eher Nord-Süd-Richtung in Ost-West-Richtung verändert sich die Talform. Der bisherige Kerbtalcharakter des Durchbruchtals geht nun mehr in ein wesentlich breiteres Längstal über, da die Orogenese hier nicht mehr so schnell stattfindet. Das Flußbett des Indus folgt hier einer Störungslinie.

In dieser halbwüstenhaften Region ist in der Gegend von Basha bezüglich der pakistanischen Energie- und Wasserversorgung ein Staudammprojekt in Vorbereitung - „Basha Damsite“. Der Vorteil dieser besonderen Stelle am Indus besteht in besonderer Stabilität des Gesteins, relativ großem Stauseevolumen und voraussichtlich wenig notwendigen Umsiedlungsmaßnahmen. Allerdings müßte der Karakorum Highway auf einer Strecke von mehreren Kilometern neu gebaut werden. Dieses Projekt soll außer den genannten Zielen als Sedimentfalle dienen, um die Lebensdauer des weiter flußabwärts gelegenen Tarbela-Staudamms zu verlängern. 

PakistanEine weitere Auffälligkeit dieses Bereichs besteht in den deutlich an den Berghängen zu erkennenden hellen Seetonablagerungen. Diese sind als Sedimentakkumulationen von Eisstauseen der jüngsten (Würm-)Eiszeit zu verstehen. In der folgenden Wärmeperiode schnitt sich der Indus wieder mehr in das Gebirge ein, so daß die Seetonablagerungen heute relativ weit oben an den Berghängen liegen. Außerdem befinden sich unter den Seetonablagerungen viele End- und Seitenmoränen von Gletschervorstössen (überwiegend vom Nanga Parbat) aus den zahlreichen größeren Nebentälern des Indus im Verlauf der letzten Eiszeit.

Als besonderer Ausdruck des halbwüstenhaften Klimas entdeckt man hier den sog. „Wüstenlack“. Dies ist ein aus Eisen- bzw. Manganoxiden bestehender Überzug an der Oberfläche von Felsblöcken.

PakistanEinige Kilometer hinter Chilas treten heiße Quellen - „Tattopanis“ (tatto = heiß, pani = Wasser) - aus den Felsen hervor. Aufgrund des hohen Wassergehaltes kommt es in diesem Gebiet der sog. „Tattopani-Slides“ sehr häufig zu Bergrutschen. Eine Theorie der Entstehung der heißen Quellen besagt, daß es sich um juveniles Wasser aus dem Erdinnern handelt. Eine andere Theorie geht von folgendem aus: Die Isothermen des Erdkörpers folgen den Oberflächenformen. Im Gebirge bedeutet das für das Berginnere eine relativ hohe Lage wärmerer Schichten. Fließt nun Wasser durch diese wärmeren Schichten, erwärmt es sich und tritt dann als heiße Quelle an die Oberfläche. Infolge dessen stellt man besondere, an die Wärme des Wassers im Quellbereich angepaßte Lebensgemeinschaften fest. Hier konnte man eine besondere Algenart beobachten.

Die weitere Fahrt führte uns am größten Zufluß aus dem Nanga-Parbat-Massiv, dem Astor River vorbei. Kurz vor dem Ziel der Tagesetappe (Gilgit) hielten wir noch am Zusammenfluß des Gilgit River mit dem Indus an. 


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