Sonntag, 05. Oktober 1997

Fahrt Gilgit - Hunza - Gilgit

Gunilla Kaiser; Kirsten Schlange

 
Um 5:00 Uhr morgens werden wir durch das Gebet des Muezzin und von diversen Hahnenschreien geweckt. An diesem Tag fahren wir entlang des Hunza-Rivers das Hunzatal hinauf. Um von Gilgit ins Hunzatal zu gelangen, muß man ca. 10 km den Karakorum Highway in Richtung Süden zurückfahren, um dort auf die Straße ins Hunzatal abzubiegen. Schon an unserem ersten Stop kurz hinter Gilgit kann man den Gipfel des Rakaposhi sehen. Gigantisch ragt er zwischen den umgebenden Bergen hervor. Von diesem Punkt sind auch die Schwemmlandkegel des Gilgit-River zu sehen. Auf diesen wurde Ende der Weichseleiszeit eine Endmoräne abgelagert. Das vom Gilgit-River eingeschnittene Gestein ist wie an vielen Stellen basisch dunkler Amphibolit.(Badlandformen?) 

Pakistan - Rakaposhi -Hinter der Wegkreuzung überqueren wir nach kurzer Zeit die Brücke über den Gilgit-River. Von nun an führt die Straße am, bei Dainyor in den Gilgit-River mündenden Hunza-River entlang.

Die Vegetation hier hat einen halbwüstenartigen Charakter, es kommen fast nur Zwergsträucher und Chenopodiaceen vor. Der Deckungsgrad liegt bei lediglich 10-15 %. Ursache für die Halbwüstenbildung ist eine Niederschlagssumme von 150 mm. Meßstationen für die Niederschlagsmenge befinden sich in Gilgit, Dainyor und Karimabad, Werte für Orte zwischen diesen Meßstationen werden durch Interpolation ermittelt.

Die Straßen sind von moränenartigen Aufschüttungen gesäumt. Man darf sich hier allerdings nicht täuschen lassen, denn es handelt sich um Material, daß durch Geröllawinen die Berge hinunter gerutscht ist (sliding areas). Erkennbar ist das an der lockeren Schüttung des Gesteins. Auch wir werden davon nicht verschont. Vor unseren Augen wird eine, gerade heruntergekommene, Geröllawine von Bulldozern von der Straße geräumt.

Die Fahrt geht weiter durch das Naltartal durch die Orte Nomal und Jaglotgah. Am Fluß sieht man eine Moräne, gebildet durch einen Gletscher, der von Osten in das Tal floß. An ihrem Fußrand finden sich Seetonablagerungen.

An einer Tankstelle angebunden sahen wir unser erstes Yak.

Pakistani State Oil mit YakBei dem Ort Chalt teilt sich der Hunza-River in mehrere Läufe. Ein eiszeitlicher Gletscher aus einem Seitental schüttete hier eine große Seitenwallmoräne auf, durch die sich der Fluß dann sekundär sein Bett bahnen mußte (epigenetisches Tal). Heute liegt ein kleiner Rest dieser Moräne wie ein Umlaufberg inmitten des aufgespaltenen Flußlaufes. In Chalt findet sich auch, wie an vielen Orten im Hunzatal, ein altes Fort. Vor ca. 100 Jahren wollten die Engländer hier das Vordringen der Russen verhindern und auf ihrer Seite starben viele Männer aus Hunza und Nagar.

Wenig später halten wir am Rakaposhi Viewpoint mit dem Rakaposhi General Store. Anscheinend schon an den aufkommenden Tourismus angepaßt, kann man hier Postkarten, allerlei Snacks, aber auch einheimische Produkte wie die berühmten getrockneten Aprikosen erstehen oder sich einfach nur hinsetzen und die Aussicht auf den Pisan-Gletscher genießen. Am oberen Ende des Gletschers sieht man zerklüftete Eismassen und Eistürme (Ceraks), weiter unten ist der Gletscher mit Schutt und feinerem Material bedeckt. Insgesamt bietet sich in dieser Jahreszeit ein wunderschöner Anblick: In das sehr trockene Tal mit bewässerten grünen Flächen fließt der Gletscher hinein, an seinen Seiten gesäumt von Höhenwäldern mit gelbgefärbten Birken und dunkelgrünen Tannen. Und über alledem erhebt sich thronend der Rakaposhi in die Wolken.

Kurz hinter dieser Stelle wechselt die Straße noch einmal auf die andere Flußseite und das eigentliche Hunzatal taucht auf. Hier liegt der Ort Minapin, benannt nach dem Minapin-Gletscher, der hier aus einem Seitental vom Rakaposhi ins Haupttal fließt.

Von hier aus werden wir eine der älteren Seitenmoränen des Gletschers besteigen. Ganz vorn findet sich ein Moränenwall, der den Gletscherstand des letzten Jahrhunderts anzeigt (1850er-Moräne). Seit dem ist der Gletscher zurückgegangen. Auch hier sieht man Eistürme auf dem stark zerklüfteten Gletscher. Durch die steil angelegten Terrassenfelder führt der Weg über Sander- und Schotterflächen zu den nacheinander aufgeschütteten Moränen. Auf halber Höhe unseres zurückzulegenden Weges überqueren wir den reißenden Gletscherbach auf einer aus schmalen Holzbrettern, die quer über zwei Balken gelegt wurden, gebauten Brücke. Wenig später erklimmen wir die Seitenmoräne. Wie die Hühner auf der Stange sitzen wir auf dem relativ schmalen `Kamm´ und haben wieder einen herrlichen Blick sowohl den Gletscher hinauf als auch in das graue Tal hinunter bis zu den steilen Bergen auf , die an der anderen Talseite emporsteigen. Beim Abstieg müssen wir darauf achten, unseren Vordermann nicht durch Steinschlag zu bombardieren.

Die Bewohner des Hunzatales, die Hunzakut, gehören zur Islamrichtung der Ismaeliten. Allerdings ist der Glaube hier noch mit vielen naturreligiösen Elementen wie dem Schamanismus verbunden. Fährt man durch das Hunzatal, so erinnern viele Inschriften wie `Welcome to our beloved Imam´ an den Felsen längs der Straße an den Besuch des geistigen Führers der Ismaeliten, Karim Aga Khan im Jahre 1980.

Pakistan - Hunzakut -Die Hunzakut sind bis nach Europa und Amerika dafür bekannt, selten krank und sehr alt zu werden. Das liegt wohl trotz des harten Lebens im Hochgebirge am guten Wasser und der Ernährung, die zu einem großen Teil aus getrocknetem Obst und Walnüssen besteht. So sieht man überall im Hunzatal leuchtende Aprikosen, die auf den Flachdächern zum Trocknen ausgebreitet werden. Uns sind diese getrockneten Aprikosen, die wir im ca. 4m2 großen Rakaposhi-General-Store kauften, allerdings, wegen der aufkommenden Blähungen, weniger gut bekommen.

Pakistan - Einkauf -Die Frauen des Hunzatales sind nicht so stark verschleiert wie in anderen Gegenden Pakistans. Das liegt wohl zum einen am Glauben der Ismaeliten, der nicht so streng wie beispielsweise der der Schiiten ist, zum anderen - und das ist mit großer Wahrscheinlichkeit der wichtigere Grund - an der Beteiligung der Frauen an der Feldarbeit. Die harten Überlebensbedingungen im Hunzatal, die Dürre und der schlechte Boden erfordern die Mitarbeit aller Familienmitglieder. Auch wir haben einige Frauen auf den Feldern gesehen, die leicht über den, für uns sehr anstrengenden, Aufstieg zur Seitenmoräne des Minapingletschers und noch mehr über unsere Verwirrung beim Abstieg durch die eng gelegenen Terrassenfelder (auf einmal standen wir auf dem Flachdach eines Hauses) schmunzeln mußten. Die Frauen trugen die für die verheirateten Hunzafrauen typische Tracht: weite Hosen, lose Kittel und dazu buntbestickte Kappen, über die locker ein langer Schleier gebunden wird. Fotografieren durfte man sie aber auch hier nicht.

Außer Aprikosen und Walnüssen bauen die Hunzakut auch noch Äpfel und Getreide an. Als Feuerholz werden wie überall im Karakorum Pappeln wegen ihres schnellen Wuchses angepflanzt. Bewässert werden die Terrassenfelder mittels einfacher Methoden wie zum Beispiel der Umleitung von Gletscherbächen in schmalen Gräben.

Der Siedlungsbereich der Dörfer mit kleinen kubischen Lehmhäusern ist durch das mittlere Vordringen der Lawinen festgelegt.

Bei Minapin findet sich auch die Stelle, wo angeblich die Kontinente kollidierten. Hier soll sich die Indische Platte unter die Eurasische Platte geschoben haben. Gestein? Ultrabasisch und Granodiorit? Hunzadolomiten?

Auf dem Rückweg halten wir - weil´s so schön war - noch mal am Rakaposhi-Viewpoint. Dort nehmen wir wie immer Chapati und Dal zu uns, um gestärkt den Rückweg nach Gilgit antreten zu können.


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