Montag, 06. Oktober 1997

Gilgit - Skardu

Benjamin Moebius; Kai Osten

 
Nachdem uns der Gesang eines Tonbandmuezzins schon von 5.10 h an wach gehalten hatte, wurden wir um 6.00 offiziell geweckt. Eine halbe Stunde später klingelte unser eigener Wecker und mahnte uns zum letzten mal, endlich aufzustehen. Nach dem Standard - Studenten - Breakfast (Oh, endlich `mal Aprikosenmarmelade!) fuhren wir um 7.25 vom Park Hotel Gilgit ab. Es war noch kühl, aber die ersten Sonnenstrahlen kämpften sich bereits durch die Wolken.

Beim Verlassen von Gilgit, vorbei an uniformierten Schulkindern, wurde uns der Wandel in der Hotelbezeichnung Nordpakistans erklärt. Einst individuell mit meist landschaftsbezogenen Namen versehen, bekamen sie beim zusammenschließen zu Hotelketten einheitliche moderne Namen, die mit der jeweiligen Region nichts mehr gemein haben.

Wir fuhren den Karakorum - Highway 30 km zurück bis zur Abzweigung nach Skardu. Dabei blieb Zeit für einige Erklärungen.

Die Niederschlagswerte der Talsohle in Gilgit mit 100 mm und jene in einer Höhe von 6000 m mit 2000 mm Jahresmittel gehen extrem weit auseinander. Die daraus resultierende Vegetation besteht aus Tannen (abies), Birke (betula utilis, strauchartig, maximal 6-8 m), und in trockneren Bereichen, z. B. an Bergleeseiten, Wacholder (juniperus, 3000-3500 m). Die Endmoräne im Becken von Gilgit stammt maximal aus der Würm - Eiszeit. Kanäle und Wasserleitungen ziehen sich als grüne Bänder die Hänge entlang. Austretendes Wasser ermöglicht Pflanzenwachstum in dieser ansonsten lebensfeindlichen Umgebung.

An einer der zahlreichen Mautschranken mußte Prof. Hormann seine letzten Namenslisten - Reserven aktivieren, um den zuständigen Oberwichtigkeitsmeister zufriedenzustellen. Von hier aus waren es noch 222 km bis Skardu. Dieses war nicht der letzte unfreiwillige Stop an diesem Tag. 50 km weiter, um 8.15 h, kamen wir zur Alam - Bridge, die über den Gilgit - River führt. Nach den üblichen Formalitäten durften wir ohne Probleme passieren, der zweite Bus dagegen schien dem Brückenposten nicht ganz geheuer zu sein. Vielleicht wollte Malik aber auch nur die Kricket - Ergebnisse vom Wochenende erfahren, jedenfalls ging es nach einigen Minuten Wartezeit weiter. Wir verließen den Karakorum - Highway und bogen auf die Skardu - Road den Indus entlang.

Auf Schotterterrassen aus der letzten Eiszeit ist der Ackerbau nur mit Bewässerung möglich, denn je älter der Boden ist, desto durchlässiger ist er auch. Da bodenbildende Prozesse  nur in geringem Maße auftreten und Erosion die oberen Bodenschichten angreift, versucht man durch Schluff - und Toneinbringung den Dünger länger und besser zu binden. Es ist nicht gänzlich klar, ob alle Terrassen glazialen Ursprungs sind. Es könnte sich in einigen Fällen auch um fluviale Schwemmterrassen handeln.

Die vom KKH abgehenden Seitenstraßen sind meist nur für Jeeps befahrbar, das gilt besonders für die Brücken.

Die angekündigten Felsmalereien verpaßten wir, da das Hinweisschild abhanden gekommen war. In der Nähe des Zusammenflusses von Gilgit- und Indus-River gab es einen Nanga-Parbat-Photostop. Die hier auftretenden Schotterterrassen sind relativ junge, geringfügig erodierte Akkumulationsflächen aus der Würmeiszeit.

Erklärungen zur Geologie: Plattentektonik des nördlichen Pakistans
Die nach Norden driftende indische Platte trifft auf die eurasische Platte, es kommt zur Bildung des Kohistan Island Arc (ozean. Zwischenplatte). Der KIA ist ein Bruchstück der indischen Platte, die Separation fand vor 300 Millionen Jahren im Perm statt Tektonisch befindet man sich hier im Bereich einer Thetys - Geosynklinale.

Kleine Gesteinskunde:
Es herrschen basische bis ultrabasische, teilweise stark verschieferte Erstarrungsgesteine vor, z. B. gebänderte Amphibolite (unser Lieblingsgestein)  -- Lieber ein Glimmerschiefer als ein schlimmer Kiefer –

Neben metamorphen Ergußgesteinen (z. B. Basalt) tritt auch Tiefengestein der ozean. Kruste auf. Besonders häufig treten folgende Gesteinsformen auf: Hornblende, Diorit, Feldspat, Gabbro und Peridot. Es kommt zur selektiven Verwitterung des Gesteins.
Pakistan - Gesteinsbestimmung -In diesem Bereich (Karte Nr. 15) treten ungewöhnliche Richtungsänderungen des Indus auf, die nach Schröder durch Verwerfungen (Rykot) entstanden sind. Hr. Hormann ist kein Anhänger dieser These, kann sie aber nicht widerlegen.
Nach den lehrreichen Ausführungen gab es 15 min Freizeit, Steine gucken.

Beim Übergang ins Himalayagebiet findet ein Wechsel des Gesteinscharakters statt. Die Gesteine sind schon mehrfach der Gebirgsbildung unterworfen gewesen, sie sind stärker verschiefert und heller, es überwiegt der Glimmerschiefer. Auch der Charakter des Indus ändert sich, das Gefälle nimmt zu und damit auch die Fließgeschwindigkeit. 

PakistanKurz vor dem Hanshutal ist die Talführung enger (epigenetische Talbildung), dahinter haben sich gewaltige Sedimentkörper abgelagert, wahrscheinlich eine Endmoräne und Stauterrassen. Hier befindet sich der nördlichste Punkt des Indus. Kurze Zeit später erreichen wir die Ortschaft Sassi.

Sassi liegt etwa auf der Höhe von Gilgit (1400 m). Die Menschen leben hier von der Landwirtschaft, sie bauen Mais, Gemüse und Aprikosen an, betreiben Heugewinnung und Weidewirtschaft. Richtung Shengus wird die Straße schmaler und die Hänge steiler. In Shengus (mit Telefon) machen wir Mittagspause mit Chapati, Tee und Fußvolleyball. Charles schießt den Ball besonders euphorisch Richtung Indus und darf laufen. In der Umgebung kommen stark verschieferte, metamorphe Gesteine (präkambrisch) vor, durchsetzt von weißen Aplitgängen.

Bei starken Regenfällen wird die Straße nach Skardu zur Mausefalle - durch das abfließende Wasser werden Bergrutsche ausgelöst, die das Tal für mehrere Tage oder auch Wochen von der Außenwelt abschneiden können.

PakistanDer nächste Photostop findet an einer besonders steilen Stelle statt. Die Fahrer müssen förmlich gezwungen werden, an dieser offenbar gefährlichen Stelle anzuhalten, sie fahren auch sofort weiter und lassen uns die nächsten paar hundert Meter zu Fuß gehen. Die Straße führt hier unter schroffen Felsüberhängen hindurch, zum Indus hin fällt die Wand senkrecht ab. 

Die Menschen nutzen in der jetzt grüner werdenden Landschaft jede verfügbare ebene Fläche zur Landwirtschaft. Die Polizei - Osterei - Station Rondu bildet die Grenze zu Baltistan, dem Ostfriesland Pakistans. Unsere erste Station nach Rondu war die lange vorher angekündigte und heiß ersehnte Quelle. In den 15 Minuten, die uns blieben, füllten wir ca. 25 Flaschen mit dem kostbaren Naß, davon allein 7 von den Protokollanten.

Die meisten Flußläufe dieses Gebietes sind glazial überformt. Massige, nicht besonders stark verschieferte Gesteine, die zum Kohistan - Ladak - System gehören, überwiegen (relativ jung).

14.05 - noch 63 Km bis Skardu, die Sonne brennt ...

Wir durchqueren die Rondu-Schlucht mit dem Mittelzentrum Dambudas (Karte Nr. 16), angepflanzte Eukalyptusbäume säumen die Straße.

An einer Akkumulationsstelle, wo der Indus im vorletzten Interglazial nicht in sein ursprüngliches Bett zurückgefunden hat, windet sich die Straße in Serpentinen den Hang hinauf.

Um 14.15 h erreichen wir das Dassu, hier biegt der Indus nach Süden ab.

Die Fahrer legen eine selbstgewählte Mittagspause in Baghicha ein; nach einem kurzen Verdauungskick ging es um 15.00 weiter.

Zunehmender Anbau von Buchweizen, Weizen und Kartoffeln, die als Saatgut in ganz Pakistan vertrieben werden. Die bewirtschafteten Flächen sind in kleine Parzellen unterteilt, und werden manuell bearbeitet. An den Hängen treten Fallstreifen, sogenannte Virga auf, die bei heftigen Regenfällen entstehen. Sie reichen nicht bis zur Talsohle hinab.

Das Tal öffnet sich und gibt den Blick frei auf das Skardu-Valley mit seinen großen Ebenen und Moränenkörpern. Bei der Ayo-Bridge, Kashura, überqueren wir den Indus. Es kann nur ein Fahrzeug zur Zeit die Brücke passieren. Wir halten am Skardu-Valley-View-Point, das Tal ist glazial geprägt (Übertiefung oder tektonische Senkung), der Indus hat jetzt nur noch ein sehr schwaches Gefälle und fließt breit und träge dahin.

 PakistanWinderosion führt auf den weiten, ebenen Flächen zu Sandstürmen. Entlang der Straße stehen viele Bäume (vor allem Salix und Populus). Sie wurden zur Brennholzgewinnung angepflanzt. Die Grundstücke sind von hohen Mauern umgeben. Skardu ist sehr weitläufig, die 5000 - 10000 Einwohner verteilen sich auf ein großes Gebiet. Am Ortseingang müssen pro Bus 10 Rupien bezahlt werden, alles ist sehr trocken und staubig.

Rechter Hand liegt das Sapara-Tal , durch das der Weg zum Deosai-Plateau führt.

Kurz nach 17.00 h erreichen wir erschöpft das K2-Motel, wo es schon vorzüglich nach Essen riecht. Ersteinmal genießen wir jedoch den schönen Blick über die Indusschleife und das Skardu-Valley mit seinen beeindruckenden Bergen. Die Zimmer sind groß und einfach eingerichtet. Vor dem Essen gehen wir noch zum Indus runter, sammeln Steine und bolzen rum. Zu Essen gibt’s Huhn mit Pommes. Abends gibt’s die üblichen Spielrunden. Trotz Problemen mit der Wasserversorgung gehen wir gewaschen ins Bett. Gute Nacht!


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