Freitag, 10. Oktober 1997

Chilas - Besham Qila - Mingaora

Kai Eckert

 
Wir hatten den Karakorum Highway in Besham verlassen und waren auf dem Weg zum Shangla-Pass, der uns ins Swat-Tal führen sollte. Das Landschaftsbild hatte sich seit Besham schlagartig verändert und glich unseren Mittelgebirgen. Zum ersten Mal sahen wir seit Tagen eine dichte Vegetationsdecke und eine ausgeprägte agrare Nutzung. Lediglich einige Palmen verliehen dem Landschaftsbild einen exotischen Touch und zeigten uns, daß wir in einer völlig anderen Kultur- und Klimazone unterwegs waren...

PakistanEs war bereits nach 14 Uhr, als ich das Protokoll für den heutigen Tag übernahm. Der Tag selbst hatte früh morgens mit einem mittelmäßigem Frühstück, bestehend aus Instant-Kaffee, Instant-O-Saft, schimmeligem Toast und Cornflakes im Panorama-Hotel in Chilas begonnen. Gegen 730 Uhr waren wir dort aufgebrochen.

Kurz hinter Chilas machten wir einen ersten Zwischenstopp, um die zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert n. Chr. entstandenen Felsenzeichnungen zu besichtigen. Entlang des Indus finden sich im Bereich der alten Seidenstraße viele Felsenzeichnungen, die von ehemaligen Handelsreisenden angefertigt wurden. Diese in den Felsen geritzten Inschriften, symbolischen Darstellungen, Abbilder von Buddhas, Stupas, Reitern, Karawanen, Steinböcken und anderem, zeugen von der einstigen Bedeutung dieser wichtigen und schwierigen Handels- und Pilgerroute, die im Mittelalter in Vergessenheit geriet. Die Felsenzeichnungen wurden von pakistanischen und deutschen Wissenschaftlern untersucht und dokumentiert; dabei konnten insgesamt 20000 Darstellungen und 3000 Inschriften in 23 verschiedenen Schreibweisen ausgemacht werden. Bei Chilas finden sich die bedeutendsten und am leichtesten erreichbaren Fundstätten. Sie sind allerdings vom Untergang bedroht. Wenn das Dammprojekt in der Indus-Schlucht von Basha realisiert werden sollte, wäre eine Überflutung der Felsenbilder die bedauerliche Folge.

Pakistan - Felszeichnungen -Auf dem weiteren Weg zeigte das Landschaftsbild überwiegend einen halbwüstenartigen Charakter. Neben einigen Büschen und Stauden war nur sehr wenig Vegetation vorhanden. Vereinzelt traten Wüstenlackbildungen an den Gesteinen auf. Um so erstaunlicher wirkten die großen Holzlagerplätze, die wir auf der gegenüberliegenden Talseite sehen konnten. An einem größeren Lagerplatz haben wir einen Foto-Stopp gemacht. Da selbst auf den oberen Berghängen des Industals nur wenige größere Bäume zu sehen waren, mußten die geschlagenen Stämme aus weiter entfernt gelegenen Tälern herantransportiert worden sein. Eine Rutsche, die aus dem Seitental bis zum Indus führte, schien diese Vermutung zu bestätigen. Offensichtlich werden die Stämme in den Seitentälern geschlagen und dann über die Rutschbahn zum Indus gezogen, wo sie gesammelt werden, um später mit einer Seilbahn über den Indus zur anderen Talseite transportiert werden. Dort werden dann LKWs bereit stehen und den weiteren Transport auf dem Karakorum Highway übernehmen.

Auf dem weiteren Weg nach Besham Qala sahen wir kurz vor dem Örtchen Sazin auf dem gegenüberliegenden Indusufer einige Zelte. Einige Goldsucher haben sie aufgestellt. Sie leben dort und waschen die Ufersande aus, immer in der Hoffnung einige kleine Goldkörner zu finden. Eine sicherlich langwierige und eintönige Tätigkeit, bei der der vermeintliche Reichtum ausbleibt.
Der nächste größere Ort, den wir erreichen ist Dasu. Dasu ist das junge Zentrum des Distrikts Kohistan, das aber nur auf lokaler Ebene von Bedeutung ist. Kurz hinter Dasu überqueren wir den Indus und fahren die restlichen 76 Kilometer bis Besham Qala an der rechten, also westlichen Talseite entlang.

Wenige Kilometer vor Besham Qala haben wir noch einen kurzen Foto-Stopp an dem Dörfchen Dubair eingelegt. Dubair ist eine malerische Siedlung, durch die ein Seitenbach des Indus strömt. Die Hänge über diesem Ort sind teilweise terrassiert und dienen dem Maisanbau; darüber findet sich in 1000 bis 1500 Metern eine geschlossene Waldbedeckung.

Zur Mittagszeit erreichten wir Besham Qala. Unsere Guides führten uns in ein kleines, einfaches, aber sauberes Hotelrestaurant, in dem wir uns mit Chapati, Daal und Cola stärken konnten. Nach dem Essen war es Zeit, den Karakorum Highway zu verlassen. Wir folgten einer Schotterstraße, die uns durch ein Seitental über den Shangla-Pass bis ins Swat-Tal führen sollte. Die Straße war im Vergleich zum KKH deutlich schmaler und kurviger. Beim Anstieg zum Shangla-Pass wurde die teilweise sehr starke landwirtschaftliche Nutzung deutlich. Angebaut wurden vor allem Reis, Hirse und Mais, aber auch Bananen, Walnüsse und Kaki-Pflaumen waren vereinzelt anzutreffen. An den Wasserläufen konnten wir einige Fischer und Mühlen sehen. Auf eine Mühlenbesichtigung mußten wir aber aus Zeitgründen leider verzichten.

An Gesteinen fiel auf dieser Paßstraße ein schwärzlicher Schiefer auf, der wahrscheinlich aus dem Ordovizium-Devon stammt und im Wechsel mit Graniten auftritt. Die Schiefer sorgen auf der Paßstraße mitunter auch für Hangrutschungen, die aber meist nicht zu großen Problemen führen.

Auf der Paßhöhe herrschte in der natürlichen Vegetation die Kiefer (Pinus excelsa) vor, die Bäume waren aber im unteren Stammbereich häufig entlaubt, was als Zeichen für einen massiven Brennholz- und Futterbedarf angesehen werden kann. Der Paß selbst bot einen wunderschön Überblick über die Gebirgsketten des Karakorum und des Swat-Tals. Leider war es zu dieser Zeit schon relativ spät, so daß die Dämmerung schon einsetzte.

Das Swat-Tal verfügt über breite Talböden, die eine Besiedlung begünstigen. Es handelt sich um ein altes Kulturland mit einer gut 3000 Jahre alten Geschichte, das landschaftlich und klimatisch zu den Gunsträumen Pakistans zählt. Die Region war schon immer sehr begehrt und umkämpft, was sich auch in der abwechslungsreichen Geschichte widerspiegelt. Bereits im 4.Jh. v.Chr. zogen die Truppen Alexanders des Großen durch das Tal. Während des Gandhara-Reiches erlebte das Swat-Tal vom 5.bis 7.Jh. n.Chr. eine große Blütezeit, die auch von chinesischen Reisenden bezeugt wird. Spuren aus dieser Zeit sind noch heute zwischen den Feldern zu finden. Im 16.Jh. fielen Pathanen in das Swat ein, unterwarfen die alteingessene Bevölkerung und verdrängten sie in die umliegenden Gebirgstäler von Kohistan. Das Swat-Tal konnte lange Zeit einen hohen Grad an Unabhängigkeit bewahren. Erst 1969, nach dem Tod des letzten Pathanen-Herrschers der Region, wurde es stärker in die pakistanische Verwaltung integriert.

Bei Khwazakhela erreichten wir schließlich den Swat-River und fuhren auf einer breiten, von Pappeln gesäumten Landstraße nach Mingaora, dem Handelszentrum des Swat-Tals.

Gegen 1800 Uhr erreichten wir Mingaora. Nach dem Einchecken im Pameer-Hotel war Freizeit angesagt. Viele nutzen die Zeit vor dem Essen für einen kurzen Basarbesuch.


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