Sonntag, 12. Oktober 1997

Peshawar - Kohat - Lachi - Bannu - Lakki - Isa Khel - Kalabagh

Andrea Schaub; Susann Hufenhäuser

 
Nach einer ereignisreichen, teilweise recht feuchten Nacht verließen wir - nach einem Zugeständnis von Prof. Hormann - Peshawar erst gegen 9 Uhr. Unser Tagesziel hieß Kalabagh, auf das wohl jeder von uns sehr gespannt war, erwartete uns dort doch das erste Moghul Camp.

Die Straße nach Darra erinnerte an eine Allee, die durch die hohen Tamarisken, Akazien und Eukalyptusbäume gebildet wurde. Die Eukalyptusbäume und auch die vereinzelten Oleanderbüsche waren angepflanzt, wobei erstere zur Brennholzgewinnung genutzt wurden. Es war angenehm im Schatten der Bäume zu fahren und sich die umliegenden Felder anzuschauen.

Das Tal von Peshawar ist das wichtigste bewässerte Anbaugebiet in der NWFP, darum werden überwiegend die cash crops Zuckerrohr, Weizen und Mais angebaut. Es dominiert aber der Anbau von Zuckerrohr, wie uns die zahlreichen Bewässerungsfelder zeigten. In diesem Gebiet ist die landwirtschaftliche Produktion der meist kleinen Farmen recht vielseitig. Für den regionalen Bedarf wurden diverse Gemüsesorten, Kolbenhirse und Mais angebaut. Dazwischen sah man immer wieder Dattelpalmen, Citrusbäume und Guaven.

Rötlich gefärbte lehmige Böden prägten hier die Landschaft, die häufig von den Schornsteinen der zahlreichen Ziegeleien durchsetzt war. Daneben zeigten sich auch die mehr bräunlichen, fruchtbaren Lößböden.

Nach einigen Kilometern Fahrt tauchten am Horizont dann langsam die felsigen Kuppen der zu der Nordflanke des Kohat Plateaus gehörenden Bergketten von Belutschistan auf. Sie bestehen aus mesozoischen Gesteinsschichten, vor allem aus Kalken, die im Zuge der Orogenese gefaltet wurden. Charakteristisch für den Prozeß der Faltung ist der gut erkennbare Wechsel von horizontaler und schräggestellter Schichtung der Gesteine. Die Landschaft ist stark zerklüftet, so daß man die unreinen Mergel-Kalke erkennen kann, die unter der rötlichen Verwitterungsdecke liegen. Etwa 20 km südlich von Peshawar findet man lokal Lößschichten, die mit etwa 2 m mächtigen Schotter bedeckt sind. Bei einem Jahresniederschlag zwischen 400-600 mm und einer Durchschnittstemperatur von etwa 29°C, ist die Trockengrenze der Vegetation erreicht. Abseits der Straße sah man daher nur Sträucher, die typisch für die Trockengebiete sind (Tamariske, Akazien, Dodonea, sowie Steineiche).

Der nächste Ort, durch den wir fuhren, war Darra, eine kleine Stadt mit “gewaltiger“ Bedeutung. Das hier lebende Volk der Pathanen scheint eine nicht zu übersehbare Vorliebe für Waffen zu besitzen, die sich in einschlägigen Geschäften und Fabriken offenbart. Der Zugang zu dieser Ortschaft ist Fremden eigentlich nur mit offizieller Erlaubnis gestattet, die wir natürlich nicht besaßen. So war die Miliz auch schnell zur Stelle, als wir mit Fotoapparaten bewaffnet aus den Bussen stiegen und den Ort zu Fuß erkunden wollten. Nach einigen Wortwechseln und dem Überlassen einer unserer Namenslisten durften wir jedoch unsere Fahrt fortsetzen.

Die dann folgenden Kilometer führten uns durch eine Landschaft, die geprägt war von 1.000 - 2.000 m hohen Bergen, Trockentälern und baumlosen Hängen mit Grasbewuchs. An landwirtschaftlicher Nutzung war der Anbau von Mais zu beobachten, während viele Felder jedoch gepflügt und somit für die kommende Saat, den Winter- oder rabi-Kulturen, vorbereitet wurden. An Nutztieren fielen Rinder und Ziegen auf. Nach Erreichen des Kohat-Passes in einer Höhe von 874 m, den wir trotz fehlender Genehmigung dann doch mit freundlichem Einverständnis der örtlichen Miliz passieren durften, konnten wir im Tal schon die Stadt Kohat sehen. Von der Vielfalt der Obst und Gemüsearten konnten wir uns in Kohat selbst überzeugen, als wir einen "Obst-Versorgungs-Stop" einlegten und Jamil seine Fähigkeiten als Obsthändler unter Beweis stellte.

Nachdem unsere Busse die Stadt durchquert hatten, fuhren wir auf dem Kohat Plateau weiter in Richtung Süden. Auf dem Plateau wird viel Gartenbau auf relativ kleinen Feldern betrieben. Neben dem Anbau von Kolbenhirse, Sonnenblumen und Blumenkohl waren auch Zuckerrohrfelder sowie Zitronenbäume vorzufinden. Da wir kaum Flüsse oder Kanäle entdecken konnten, aber die Felder relativ eben, feucht und von Wällen umgeben waren, gehen wir davon aus, daß in diesem Gebiet eine Überstaubewässerung unter Nutzung der Monsunniederschläge erfolgt. Die Siedlungen bestanden aus mehreren Lehmhütten, doch da viele Lehmhäuser zerfallen waren, konnte man aus der Zahl der Häuser nicht unbedingt auf die Zahl der Dorfbewohner schließen. Von den Lehmhäusern waren hier viele in schlechtem (unbewohnbaren) Zustand. Eine Erklärung hierfür mag in der Problematik der Landbesitzverteilung liegen: Landlose Familien wohnen nur solange an einem Ort, wie der Lebensunterhalt irgendwie gesichert werden kann. Ist das nicht mehr möglich, müssen die Familien an einem anderen Ort Arbeit oder neues Pachtland suchen. Frauen sahen wir nur ganz selten während der Fahrt und dann waren sie meist völlig verschleiert - ein Zeichen dafür, daß dieses Gebiet doch sehr traditionsbewußt ist.

PakistanHinter Kohat wechselte die Landschaft zu einem savannenhaften Bild: Kaum sah man noch höhere Bäume, statt dessen kahle Hänge auf denen vereinzelt Gräser, Akazien und andere niedrige Dornsträucher wuchsen. In der Mittagshitze fuhren wir durch eine fast trostlose Landschaft. Dann endlich bekamen wir mal wieder die Gelegenheit, unsere Beine zu vertreten und gewissen Bedürfnissen nachzugehen (Pipi-Stopp?! Photostopp?!). Nachdem wir nach einigen Minuten aus einer relativen Trägheit, die sich bei so langen Busfahrten einstellt, erwachten, bewunderten wir vertikal gestellte Schichten des Mesozoikums, wie sie für diese Schichtrippenlandschaft typisch sind. Der leuchtend rote Mergel wechselte mit grauem Sandstein. Infolge der extrem steilen Stellung der verschieden widerständigen Schichten, hatte sich eine faszinierende Gratlandschaft gebildet, bei der man gut die Erosion je nach Klüftung des Gesteins verfolgen konnte. Herr Hormann bezeichnete diese geomorphologischen Formen als "Isoklinaltäler entstanden durch subsequente Erosion". Isoklinaltäler sind Täler, bei denen der Hang, an welchem die Schichtköpfe hervortreten, der steilere ist.

PakistanNach einigen Fotos ging es wieder weiter on the road zu einem nächsten Haltepunkt, an dem wir nicht nur unsere bunten Gesteinsschichten wiederfanden, sondern auch malerische und vor allem fotowürdige Steinsalzformationen. Diese wie Bergspitzen aus dem Boden heraustretenden Evaporite, d.h. durch Verdunstung von Wasser entstandenen chemischen Sedimente, sind wahrscheinlich tertiäre Salzablagerungen, vermutlich aus dem Eozän, wie Herr Hormann vermutete. Eine andere Erklärung könnte aber die Entstehung massiver Steinsalze infolge des ariden bzw. wechselfeuchten Klimas sein, bei der die im Ausgangsgestein vorhanden Mineralsalze im Zeitverlauf unter ariden Bedingungen auskristallisieren.

Weiter ging unsere Fahrt Richtung Bannu vorbei an Mais- und Reisfeldern, auf denen vereinzelt Dattelpalmen standen. Von der Straße aus konnten wir Bewässerungskanäle erkennen, die das Wasser der Flüsse auf die Felder leiten. Vor kurzem waren hier wohl heftige Regengüsse niedergegangen, welche die Straße unterspült hatten, so daß wir durch ein trockenes Flußbett holpern mußten. Die Reparaturarbeiten waren im vollen Gange und Kies war im nahegelegenen breiten Flußbett genug vorhanden.

In Bannu wurde uns dann ein kurzes Mittagsmahl gegönnt, das - wie sollte es anders sein - aus chapati, dal und vegetables bestand. Als Ausgleich dazu durfte die obligatorische Coca-Cola (für 8 Rupien) natürlich nicht fehlen, die immer einen Lichtblick auf der Fahrt darstellte und einen Hauch der westlichen Welt in den pakistanischen Alltag brachte. Nachdem wir dann einigermaßen unseren Magen beruhigt und nun mit der Mittagsmüdigkeit zu kämpfen hatten, fuhren wir im breiten Tal des Flusses Kurram nach Süden. Es war eine unruhige Fahrt, denn häufig war die Straße vom Regen weggespült worden und die Fahrer versuchten geschickt den Schlaglöchern ebenso wie dem Gegenverkehr ausweichen.

Das Kurram-Becken liegt etwa auf 300-400 m NN quasi im Regenschatten eines Ausläufers der Bergketten von Belutschistan. Dies Becken wird nur durch den Khurram-River entwässert, ansonsten existieren zur Regenzeit viele episodische Flüsse, die häufig ihren Lauf verlagern, so daß die Landschaft durch die Flußebenen durchzogen ist. Nördlich blickt man auf die Bergketten des Suleiman Range. Typisch für dieses Gebiet war der Anbau von Zuckerrohr, Mais und Linsen. Auffällig waren auch die vielen Lehmhütten, die auf die Beschaffenheit des Bodens hinweisen. In der Nähe der Flüsse zeigten sich deutlich Versalzungs- und Erosionserscheinungen. Mit Hilfe eines Bewässerungskanals wird auf größeren Feldern Bewässerungsfeldbau betrieben (Reis und Zuckerrohr). Der Kanal liegt im Niveau höher als die umliegenden Felder, was einerseits die Wasserzuleitung erleichtert, aber auch eine Maßnahme zur Verminderung der Bodenversalzung sein kann (Anm.: In Gebieten mit Bodenversalzungsproblemen ist dies eine Maßnahme, um den Salzgehalt des Bewässerungswassers so gering wie möglich zu halten. Die mit dem Bewässerungswasser ausgewaschenen Salze werden dabei mit dem Drainagewasser einem getrennten Wasserkreislauf zugeführt.).

Einige Felder waren offensichtlich aufgrund des hohen Bodensalzgehaltes für den Ackerbau nicht mehr nutzbar. Ohne zusätzliche Bewässerung wird kleinbäuerlicher Trockenfeldbau mit den typischen Anbaufrüchten Linsen und Hirse betrieben. Soweit noch natürliche Vegetation sichtbar war, sah man auch hier hohe Tamarisken-Bäume und Akazien. An der spärlichen Vegetation freuten sich nur die Ziegen, denen selbst die dornigen Akazienzweige nichts anzuhaben schienen. Auch sahen wir hier häufig Kamele, die als Lasttiere benutzt wurden. Der Kameldung wurde teilweise sorgsam gesammelt und an den Wänden der Lehmhäuser getrocknet und nachher als Dünger auf den Feldern verteilt. Am Spätnachmittag fuhren wir bei Isa Khel durch eine Landschaft, die schon als Halbwüste zu bezeichnen ist: Auf den sandigen Böden sah man zwischen vereinzelten Akazien und Tamarisken riesige Horstgräser, die bis zu 2 m hoch waren. Vermutlich handelt es sich bei diesem Süßgras um Saccharum spontaneum, das mit seinen großen flauschigen Rispen, dem Pampagras ähnelt.

Pakistan - Moghulcamp ;-) -Einige Kilometer vor Kalabagh trafen wir dann wieder mit dem Indus zusammen und erreichten kurze Zeit später in der Dämmerung unser Ziel: das Moghul Camp direkt am Indus. Die Leute von Indus-Guides hatten direkt am Indus auf einem wunderschön angelegten Grundstück bunte Zweimann-Zelte für uns aufgebaut, die allgemeine Heiterkeit hervorriefen. Aber die Zelte sahen geräumig und gemütlich aus und versprachen eine angenehme Nacht im Freien. Wir wurden fürstlich mit einer Tasse Tee und leckeren Keksen empfangen. Das Abendessen wurde ebenfalls unter freiem Himmel eingenommen, allerdings war es schon dunkel, so daß man kaum sehen konnte, was sich in den diversen Schüsseln befand. Besonders der Nudelsalat erfreute sich nach den vergangenen reisreichen Mahlzeiten großer Beliebtheit. Der Verlauf des weiteren Abends wurde dann bestimmt von der romantischen Lage des Camps am Indus, dem wunderschönen Garten und der vollmondhellen Nacht ...


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