Dienstag, 14. Oktober 1997

Fahrt von Kalabagh via Jinnah und Chasma Barrage sowie Salt Range nach Kallar

Ties Hildebrand; Sven Heincke

 
Auf dem Gelände der Sommeresidenz eines früheren Herrschers der Provinz Punjab, welche nahe der Ortschaft Kalabagh direkt am Indus liegt, wies Prof. Hormann morgens vor  der Abfahrt der Busse auf die dort stehenden Ficus-Bäume hin, die in Pakistan „bar trees„ genannt werden (wissenschaftlicher Name: Ficus bengalensis) und für ganz Vorderindien eine typische Vegetationsform darstellen. An einer Mauer ist eine Tafel angebracht, die an den Hochwasserstand vom 2.8.1976 erinnert: 1,72 m über dem mittleren Niveau des Indus.

Auf der Fahrt zur Jinnah Barrage wurde auf die landwirtschaftliche Forstnutzung des durchfahrenen Gebietes hingewiesen. Bei der Jinnah Barrage handelt es sich um eine Staustufe im Indus. Diese Staustufe wurde in den Jahren 1939-43 im Zuge des „Thal Project„ über den Indus gebaut und hat eine Länge von 3.780 m. Da zu Bauzeiten kein Wert auf Energiegewinnung durch Wasserkraft gelegt wurde, handelt es sich und eine reine Staustufe, die hauptsächlich der Wassermassenregulierung diente. Hierbei können aufgrund fehlender Pumpstationen nur Gebiete bewässert werden, die tiefer als der Indus liegen. Dies war 1969 eine Bewässerungsfläche von rund 460.582 ha. Eine weitere Problematik dieser Staustufe ist die Hochwasserdurchlässigkeit, d.h. sie kann nur eine bestimmte, relativ niedrige Wassermenge pro Sekunde durch die Sperren ablassen. Um bei einem starken Hochwasser den Bruch des Dammes zu vermeiden, besteht in dieser Situation nur die Möglichkeit der kontrollierten Sprengung der Seitendämme. Die Folge hiervon wären starke Überschwemmungen unterhalb der Staustufe, welche unabsehbare Folgen für die in diesem Gebiet lebende Bevölkerung hätte.

Anschließend wurde die Fahrt nach Süden zur Chasma Barrage fortgesetzt, welche auf der Höhe von Kundian den Indus aufstaut. Die Chasma Barrage ist ein 1971 gebautes Sperrwerk, das von der Water And Power Development Authority (WAPDA) betrieben wird. Die WAPDA ist Pakistans größtes staatliches Unternehmen und hat einen Anteil von ungefähr einem Drittel an deren Gesamtumsatz. Das Unternehmen ist zuständig für die Strom- und Wasserversorgung der Bevölkerung sowie für die Bewässerung in der Landwirtschaft. Nach der Unabhängigkeit (1947) wurde Pakistan von seinen drei Eastern Rivers abgeschnitten, die nun zu Indien gehörten und so umgeleitet wurden, daß sie Pakistan nicht mehr erreichten. Obwohl zur Zeit der Trennung der beiden Länder 85 % der bewässerten Flächen in Pakistan und nur 15 % in Indien lagen, beanspruchte Indien trotzdem die Hälfte des aus dem Indus und seinen Nebenflüssen abgeleiteten Irrigationwassers. Erst 1960 wurde dieser Konflikt durch den Indus-Wasser-Vertrag gelöst, indem die Nutzung der Flüsse aufgeteilt wurde (Pakistan: Indus, Chenab, Jhelum; Indien: Ravi, Beas, Sutlej) und mit Unterstützung der Weltbank Kunstbauten errichtet wurden, um jenen pakistanischen Bewässerungsbezirken, die bisher aus Sutlej und Ravi versorgt wurden, weiterhin Bewässerung zu ermöglichen. Das heutige System besteht aus drei Reservoiren (in Tarbela, Mangla und Chasma), 12 Verbindungskanälen und 43 Hauptkanälen, deren Totale Länge 40.000 Meilen beträgt.

Die Chasma Barrage wurde nach ihrer Erbauung (1971) schnell zum wichtigsten Sperrwerk des gesamten Punjabs, weil es Wasser aufstaute, das durch einen Verbindungskanal (Chasma Jhelum Link) zum Jhelum River umgeleitet und dort zur Bewässerung benutzt wurde. Vor dem Bau des Sperrwerks war der Indus an dieser Stelle 12 km breit; heute ist der Durchfluß auf eine Breite von einem Kilometer mit zahlreichen Toren begrenzt und die Staumauer hat eine Länge von 22 km. Mittlerweile ist das Reservoir bereits zu einem Drittel zusedimentiert, was jedoch nicht die Planung an einem Projekt beeinflußt, das der Stromerzeugung dienen soll (Chasma Hydropower Project).

Trotz der geringen Fallhöhe des Wassers (13 m; low head generation) wird an einem Kraftwerk gebaut, das 184 Megawatt leisten soll. Im Vergleich zu den 3.500 Megawatt vom Tarbela Damm erscheint dies vielleicht nicht lohnenswert, dennoch hat das voraussichtlich 1998 fertiggestellte Projekt eine große lokale Bedeutung. Die Gesamtkosten werden auf ca. 400 Millionen Dollar geschätzt, von denen Pakistan 50% trägt; den Rest teilen sich Japan und die Weltbank. Auch nach Inbetriebnahme des Kraftwerks wird die Bewässerung oberste Priorität haben, so daß möglicherweise die Stromerzeugung bei Niedrigwasser verringert werden muß, weil das für die Stromerzeugung genutzte Wasser nicht mehr in den Chasma Jhelum Kanal eingespeist werden kann.

Auf dem Weg zur Salt Range kommen wir langsam in immer trockenere Gebiete. Die Vegetations- und Landnutzungsformen gehen von Bewässerungsfeldbau über zu Trockenwald, der den Rest der natürlichen Vegetation darstellt und häufig auch aus Eukalyptus, Tamarisken und Horstgräsern besteht (oftmals nahe der Existenzgrenze bei 400-500 mm Niederschlag). Danach folgt nur noch der Trockenfeldbau als Mischkulturen von Hirse und Linsen, zwischen denen man uns unbekannte Unkräuter und immer wieder Dodonea viscosa findet.

PakistanDie Salt Range ist im eigentlichen Sinn kein Gebirgszug, sondern eine Schichtstufenkante die durch einen steilen Anstieg von der Punjab-Ebene zum Potwar Plateau markiert wird. Die Streichrichtung verläuft in West-Ost-Richtung; die Schichten fallen also nach Norden ein. Dabei werden die vegetationslosen, steilen Felskanten von den ältesten paläozoischen Gesteinen gebildet, während sich die jüngeren tertiären und quartären Sedimentgesteine nördlich in Richtung Potwar-Plateau anschließen. Diese Schichtstufenkante wurde durch mehrere  große Störungen hervorgerufen, die das Potwar Plateau über den südlichen Landesteil aufgeschoben haben. Die Salt Range hat einen präkambrischen Untergrund, und man kann an ihr eine Schichtabfolge von Gesteinen aus dem Kambrium (nur vereinzelt) über Perm und eine komplette mesozoische Abfolge (Trias, Jura, Kreide) entdecken. Wegen seiner Vielfalt und Anschaulichkeit von diversen geodynamischen und tektonischen Prozessen sowie seiner großen stratigraphischen und paläontologischen Bedeutung wird die Salt Range auch als „field museum of geology„ bezeichnet.

Der Name der Salt Range ist von der Tatsache abgeleitet, daß die niedrigeren, oberflächennahen Gesteinsschichten große Mengen an Steinsalz eingelagert haben. Am östlichen Ende der Salt Range befindet sich bei Khewra eine große Salzlagerstätte mit Mächtigkeiten von bis zu 90 m, in der dieses Salz im großen Stil abgebaut wird. Auch werden bei Dandot Braunkohle und bei Kalabagh Kohleflöze abgebaut. Die Landnutzung besteht auf dem Potwar Plateau wieder ausschließlich aus Trockenfeldbau als Mischkulturen von Hirse und Linsen, aber auch Weizen und Gerste.

Nach einem langen Tag im Bus wird das Suchen des Moghul Camps, das die Indus Guides während des Tages an einem See aufgebaut haben sollen, beinahe unerträglich. Als viele die Hoffnung schon aufgegeben haben, wird schließlich das lautstarke Flehen eines besonders hart von der Diarrhöe Getroffenen erhört, und wir kommen endlich in vollkommener Dunkelheit bei unserem zweiten Lagerplatz unter freiem Himmel an, wo uns im Eßzelt schon bald eine warme Mahlzeit beim Schein von Petroleumlampen erwartet.


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