Mittwoch, 15. Oktober 1997

Fahrtstrecke Kallar Kahar - Khushab - Jauharabad - Atharan - Hazari - Rangpur - Multan

Stefan Engfer; Jörg Horenczuk

 
oder: Geographische Erkenntnisse während einer Busfahrt

Die letzte Übernachtung im Zeltlager/Mogulcamp am Südufer des Khabaki-Sees ist überstanden. Nun heißt es mal wieder 6.00 h aufstehen. Aus dem Schlafsack gekrochen erst einmal ein neugieriger Blick aus dem Zelt, wie es draußen überhaupt aussieht, nachdem wir am vorigen Abend erst im Dunkeln angekommen waren. Die Ernüchterung ist groß. Wo sich gestern nacht noch die Sterne und Lichter des auf der gegenüberliegenden Uferseite liegenden Dorfes im Wasser spiegelten, erstreckt sich  nun eine trübe Pfütze. Die Morgentoilette findet am Ufer derselben statt. Der erste Weg führt  jedoch auf das noch spät am Vorabend errichtete Feldklosett.  Eine Grube wurde im angrenzenden frisch gepflügten Acker ausgehoben, ein Campingstuhl mit Loch in der Sitzfläche darüber gestellt und ein Sichtschutz aufgestellt. Zum Glück bildet sich keine Schlange, denn das Frühstücksbüffet unserer Feldköche wartet schon. Die Zeit drängt und nachdem eiligst die Sachen zusammengepackt wurden, sitzt alles abfahrbereit im Bus. Die Verwirrung ist groß, als die Busfahrer behaupten ein Rucksack fehle. Nur Denver, der einen klaren Kopf bewahrt, kann dieses Problem ohne in Hektik zu verfallen, lösen. Um 7.40 h kann es dann losgehen,  südwärts über die Salt Range Richtung Khushab.

In der Ebene wird Bewässerungsfeldbau betrieben. Es werden Reis, Weizen (gerade abgeerntet), Zuckerrohr, Mais und Hirse angebaut. Der traditionelle Bewässerungsfeldbau entwickelte sich aus dem Wanderfeldbau durch Seßhaftwerdung der Familien und dem Zwang, die verfügbare Fläche intensiver zu nutzen. Für die Möglichkeit einer Intensivierung bietet sich die Bewässerung an jenen Standorten an, an denen das natürliche Wasservorkommen mit einfachen Mitteln für die landwirtschaftliche Nutzung erschlossen werden kann.

Bei zu hohen Grundwasserständen, d.h. wo das Bewässerungswasser nicht abgeführt wird, kommt es zu Salzausblühungen. Das semiaride Klima verursacht Bodenaustrocknung. Diese führt zum kapillaren Aufstieg des in Oberflächennähe zirkulierenden Grundwassers und zur Abscheidung darin gelöster Salze. Aus dem Bus scheint es jedoch, als ob nur geringe  Flächen betroffen sind.

Der Ort Khushab (ca. 50 000 Einwohner) lebt vom Ackerbau und ist ein recht lebendiger Marktort. Wenn es schon auf den Überlandstraßen recht langsam zugeht, kann man in der Stadt teilweise nur noch Schrittempo fahren. Der Bus muß sich einreihen in die Schlange aus Blech, Ochsen- und Handkarren sowie  Packeseln. Ortsumgehungen sind schließlich ein Produkt westlichen Straßenwesens und so wird der gesamte Verkehr durch dieses Nadelöhr geschleust. Auch kräftiges Betätigen der Hupe nutzt da wenig. Nur manchmal  lassen sich langsamere Fahrzeuge dazu hinreißen, aus dem Weg zu gehen.

Südlich von Jauharabad verlassen wir das breite flache Tal des Jhelum-River. Die Flächen liegen nun zu hoch, um Bewässerungsfeldbau zu betreiben. Nur noch Trockenfeldbau ist möglich. Es handelt sich um eine Methode des permanenten Regenfeldbaus an trockenen Standorten. Die benötigte minimale Niederschlagsmenge beträgt 200 bis 250 mm jährlich. Das zentrale Problem des Trockenfeldbaus ist Wasserknappheit. Der Anbau erfolgt daher in der Regel mit der Einschaltung einer Schwarzbrache. Die Brachfläche wird durch Abbrennung ohne Pflanzenbedeckung gehalten. Die Einschaltung einer Brache bedeutet eine Abweichung vom klassischen Regenfeldbau. Sie erlaubt den Ackerbau an Grenzstandorten. Beim Trockenfeldbau erfolgt zumeist eine Beweidung durch Schafe und Ziegen.

Es werden Weizen sowie Hirse und Linsen in Mischkultur angebaut. Da alles abgeerntet ist, sieht die Fläche eher wüstenhaft aus. Nur die teilweise vorhandenen Pflugstreifen, weisen auf die landwirtschaftliche Nutzung hin. Die Vegetation ist selbst hier weitgehend durch Kulturflächen verdrängt. Nur am Straßenrand ist eine karge, von Überweidung geprägte Pflanzendecke vorhanden.

An einem eingezäunten Militärgelände, wo jegliche Nutzung fehlt, kann man die potentiell  natürliche Vegetation abschätzen. Die Vegetationsdecke ist mehr oder weniger geschlossen und besteht aus Gräsern. Vereinzelt sind Akazienbäume vorhanden. Es handelt sich somit um eine Grassteppe mit Holzgewächsen.

Die Morphodynamik der Pedimentbildung beherrscht das gesamte Flachrelief. Langandauernde Trockenzeit im Wechsel mit relativ kurzen Perioden heftiger Niederschläge führen zu stark reduzierter chemischer Verwitterung. Pedimente und Glacis entstehen infolge der kombinierten Wirkung von mechanischer Gesteinsaufbereitung an Gebirgsrückländern mit Flächenspülung im Vorlandbereich.

Das Entwässerungsnetz ist gekennzeichnet durch Trockentäler, die nur während der Niederschlagsperioden als Abflußbahnen dienen und somit nur episodisch Wasser führen. Linker Hand ist immer das Tiefland des Jhelum-River in Sichtweite. Es unterscheidet sich durch das satte Grün und von weitem aussehenden dichten Baumbestand deutlich vom kargen Land des Trockenfeldbaus. Der Jhelum-River kann als Fremdlingsstrom angesprochen werden, da seine Wasserspeisung aus den niederschlagsreicheren Gebirgsgebieten kommt.

Der Bus verläßt die Hauptstraße und nimmt eine Nebenstrecke. Der Asphaltstreifen schrumpft auf Wagenbreite zusammen. Mit entgegenkommenden Lkws, Bussen und Pkws wird härter denn je um jeden Zentimeter der schmalen Straße gerungen. „Das größere Fahrzeug bleibt auf der Straße“ scheint die unter den Fahrern allgemeingültige Ausweichregel zu sein. Bisher. Denn aus unerfindlichen Gründen  wird es nun ein Spiel der reinen Nervenstärke. Nasir unser Fahrer, der mit seiner goldumrahmten, dunkelglasigen Sonnenbrille, seinem buschigen Schnauzbart  und seinen halblangen schwarzen glatten, gerade abgeschnittenen Haaren eine nicht von der Hand zu weisende Ähnlichkeit mit Charles Bronson hat, scheint auch dessen in den Filmen immer übertrieben dargestellte Coolness zu besitzen. Sein  Kumpane steht ihm mit seiner jugendlichen Kühnheit in Nichts nach. Nur wenige Male müssen deshalb unsere Busse auf den löchrigen festgefahrenen Sandstreifen neben der Teerpiste fliehen, um einem Frontalzusammenstoß zu entkommen.

Als die Straße das Tiefland des Jhelum-River erreicht, wechselt sich das Bild und das Grün bekommt Konturen. Auf den bewässerten Feldern wird Baumwolle, Zuckerrohr und Reis angebaut. Daneben stehen Akazien am Weg- und Feldrand. Als Nutzbäume sind Mango- und Zitronenbäume weit verbreitet.

Kurz nach Rangpur verlassen wir wieder das Tiefland des Jhelum-River. Die Umgebung verändert sich wiederum rasch und die Fahrt geht durch eine Dünenlandschaft. Im Gegensatz zu vorher scheint nur noch an sehr günstig exponierten Lagen Trockenfeldbau möglich zu sein. Während der durchschnittliche Jahresniederschlag in Khushab noch 380 mm beträgt, sinkt er in südlicher Richtung bis Multan auf 180 mm. Je weiter wir nach Süden fahren nimmt der Trockenfeldbau demzufolge kontinuierlich ab. Nur noch  in Muldenlagen, wo, wenn es denn einmal regnet, sich das abfließende Wasser sammelt und somit eine größere und längere Feuchtigkeit vorhanden ist,  rentiert sich eine Bewirtschaftung.

Die Vegetation ist sehr schütter. Sie besteht aus einigen Dornsträuchern, Akazienbäumen meistens jedoch aus horstig wachsenden Gräsern. Die zunehmende Trockenheit hat also auch die Vegetation merklich verändert. Aus der Grassteppe ist eine Wüstensteppe geworden.

Die Straße ist unterbrochen und die Busse müssen auf eine Sandpiste ausweichen. Nach einigen Kilometern sieht man den Grund für den Umweg. Eine Brücke hat es dahingerafft und Reparaturarbeiten sind im Gange. Es ist nicht das erste Mal, daß es nötig ist, wegen Brückenarbeiten auszuweichen. Im Grunde gibt es zwei Arten die flachen jedoch recht breiten Muldentäler zu überqueren. Die eine ist wie bereits erwähnt, eine Brücke zu errichten. Die zweite und sicherlich weitaus günstigere Methode ist, einfach die Straße durch das die meiste Zeit des Jahres trockene Flußbett zu bauen. Beides hat erhebliche Nachteile und allgemein kann man sicherlich sagen, daß die Überquerung von Tälern in dieser Trockenzone dem pakistanischen Straßenbau erhebliche Probleme bereitet. In der Trockenzeit fließt -wenn überhaupt- nur ein kleines Rinnsal durch das Tal. Fährt man dann über eine Brückenkonstruktion scheint diese um Potenzen überdimensioniert. In der Regenzeit schwellen die Flüsse  indes erheblich an und transportieren eine enorme Menge an Sedimenten. Ist nur eine Straße gebaut wird diese überschwemmt und der Weg bleibt während der Regenzeit  unpassierbar, muß danach freigeräumt und ausgebessert werden. Aber auch die Brückenpfeiler und Fundamente scheinen während der Hochwasserperiode angegriffen zu werden, so daß regelmäßig teure und langwierige Reparaturarbeiten notwendig sind.

Nach langer ermüdender Busfahrt erreichen wir gegen 17.00 h die ersten Vororte von Multan. Eine halbe Stunde später sitzen wir in der Empfangshalle des Holiday Inn, bekommen leckeren grünen Tee gereicht und genießen den Service eines Fünf-Sterne-Hotels.


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