Donnerstag, 16. Oktober 1997

Surroundings of Multan - Agricultural Institutions - Irrigation

Gunnar Markus; Björn Westphal

 
PakistanMultan: Stadt des Staubes und der sengenden Hitze? So wollten uns die Erzählungen vieler Reiseführer glauben machen. Doch bei unserer Ankunft waren wir angenehm überrascht. Die Temperaturen waren erträglich und Staub hatten wir in anderen Regionen Pakistans stärker vorgefunden. Die Nacht in unserem luxuriösen Hotel gab uns die Möglichkeit, uns von den Strapazen der letzten drei Tage in der “Wildnis“ Pakistans zu erholen.

Gestärkt und erfrischt begannen wir am nächsten Morgen unsere Besichtigung von Multan. Die ca. eine Million Einwohner zählende Stadt liegt im Süden des Punjab, ungefähr 60 km östlich des Indus. Unsere Besichtigungstour zeigte uns eine freundliche und weltoffene Stadt, deren Einwohner durch ihre unaufdringliche Neugier auffielen.

Der architektonische Höhepunkt Multans war sicherlich die Besichtigung des auf einer Anhöhe gelegenen Grabmals des Shah Rukn-i-Alam und das Grab seines Großvaters Bahauddin Zkaria, die beide hochverehrte Heilige des Suffiordens waren. Weiterhin befindet sich auf der Anhöhe ein Denkmal, in Form eines Obelisken, zu Ehren zweier gemeuchelter britischer Staatsbürger.

Das Grabmal des Rukn-i-Alam ist das berühmteste Bauwerk Multans. Es wurde im 14. Jahrhundert errichtet und von Prinz Agakahn als herausragendste architektonische Meisterleistung Pakistans ausgezeichnet. Im Inneren des Grabmals liegt erhöht der Sarkophag des als heilig verehrten Shahs. Zu seinen Füßen erstrecken sich mehrere Reihen kleinerer, schlichter Gräber, deren einziger Schmuck aus Rosenblättern besteht, die die Gläubigen ablegen. Hier liegen die Familienangehörigen und Anhänger des Herrschers. An seinem Grab knien Gläubige, beten und singen mystische Lieder. Auffällig an dem Gebäude sind die Ornamente und das reich verzierte Holzwerk, die interessante Einblicke in die islamische Architektur bieten. Von dem, von einer Mauer umgebenen, Hof des Grabmals hatten wir einen ausgezeichneten Blick über die Dächer Multans.

Pakistan - Koranschüler mit Lehrer -Vis-a-vis in nördlicher Richtung gelegen befindet sich das Mausoleum des Großvaters Rukn-i-Alams, der Schrein des Bahauddin Zkaria, der ebenfalls als Heiliger verehrt wird. Er gilt den gläubigen Moslems als großer und weiser Mann, dem Wundertaten zugeschrieben werden. Beim Betreten des Mausoleums steigt uns ein starker Geruch von Räucherstäbchen in die Nasen. Zu Füßen des Hauptgrabes finden sich wieder Reihen schlichter Gräber, in denen Angehörige der königlichen Familie begraben sind. Im Eingangsbereich befinden sich Grabstätten von Landlords und Führern. Auch hier sehen wir wieder betende und singende Menschen die an diesem religiösen Tag den Toten gedenken. Im hinteren Bereich des Schreins liegt die Ruine eines alten Hindutempels, der der Verehrung des Sonnengottes gewidmet war. Jahrhunderte der Islamisierung hatte er unbeschadet überstanden, bis er im vorherigen Jahrhundert von fanatisierten Sihks zerstört wurde.

Der übrige Bereich der Anhöhe wird von einem weitläufigen Vergnügungspark eingenommen, in dessen Zentrum das Denkmal zur Erinnerung an die beiden ermordeten Briten  zwölf Meter hoch aufragt. Der Offizier William Anderson und der Angehörige der Zivilverwaltung Patrick Alexander vans Agnew wurden bei Friedensverhandlungen mit den Streitkräften der Sihk von diesen ermordet. Die Pflege der Parkanlage zeigt exemplarisch die pakistanische Beschäftigungspolitik. Für die Bedienung eines Handrasenmähers benötigt man nicht weniger als fünf Personen: vier ziehen - einer lenkt.

Mit unseren Bussen verlassen wir die Anhöhe in östlicher Richtung und amüsieren uns über pakistanische Werbetafeln, die Produkte wie “Cindy and Malt - Refreshing non-alcoholic Beers“ anpreisen. Das nächste Ziel unserer Besichtigungstour: die sunnitische Eidgha Moschee, die im frühen 19. Jahrhundert für einen der beiden höchsten islamischen Feiertage erbaut wurde. Während des Sihkkrieges mit den Briten diente sie den Sihk als Waffenlager und -markt und wurde im Zuge der Kriegshandlungen teilweise beschädigt. Beim Wiederaufbau wurde auf die Restaurierung der reichhaltigen Fresken im Innenraum verzichtet. Dort treffen wir die Schüler einer Koranschule die sich ihre freie Zeit mit kricketspielen vertreiben. Auch hier ziehen wir, allein durch unsere Anwesenheit, die gesamte Aufmerksamkeit der Einheimischen auf uns. Während unser Guides uns die Geschichte der Moschee näherzubringen versuchte, lauschte neben uns auch der Iman im Kreise seiner Schüler seinen Worten, die er ständig zu kontrollieren schien. In gutem Englisch ergänzte er die Ausführungen unseres Guides. Damit endete unsere Besichtigungstour von Multan.

Nach einer ausgedehnten Mittagspause besuchten wir einen landwirtschaftlichen Betrieb in der weiteren Umgebung Multans, der in dem Cotton Belt Pakistans gelegen ist. Auf dem typischen pakistanischen Großbetrieb werden verschiedene Ackerfrüchte angebaut. Zusätzlich besitzt er eine eigene Fischzucht. Zu den Anbaufrüchten gehören neben der Hauptfrucht Baumwolle auch Zuckerrohr, Mangofrüchte, Kedu (eine Grapefruitart), Orangen sowie Reis im Wechsel mit Weizen. Viehwirtschaft betreibt der Bauer nur im Umfange einer Subsistenz.

PakistanDas Problem des Wassermangels wird zum einem durch das staatliche “Irrigationsystem“, welches eine Bewässerung von 48 Stunden pro Woche für sechs Monate im Jahr erlaubt sowie zum anderen durch einen eigenen Grundwasserbrunnen, der mit Hilfe einer sehr alten Pumpe betrieben wird, gelöst. Diese fördert das in 30 Metern Tiefe gelegene Grundwasser an die Oberfläche. Nach Auskunft des Besitzers treten Versalzungserscheinungen kaum auf, was uns bei der Lage des Betriebes im mindestens semiariden Klima sehr verwunderte. Eine Erklärung hierfür haben wir nicht.

Die angebaute Baumwolle ist vor allem für den Export bestimmt (cash-crop). Neben der für die Baumwolle absolut notwendigen Bewässerung werden alle zehn Tage Pestizide aufgebracht. Leider erhielten wir keine Informationen über die Art der verwendeten Chemikalien. Durch unerwartet starke Niederschläge in den letzen beiden Jahren ist die Qualität der Baumwolle schlecht, so daß ein Export nicht möglich war.

Die Zitrusfrüchte werden sowohl exportiert, als auch im Landesinneren verkauft. Diese werden ausschließlich über das staatliche “Irrigationsystem“ bewässert, da der zweite - sich beiden Plantagen befindende Brunnen – trockengefallen ist. Neue Pflanzen werden in einer eigenen Baumschule herangezogen.

Des weiteren werden Reis und Weizen im Wechsel angebaut. Die Kulturzeit für Weizen liegt in den Monaten Oktober bis April und für Reis in den Monaten Mai bis September.

PakistanAlle hier angebauten Kulturpflanzen erfordern eine hohe Arbeitsintensität. Eine Mechanisierung ist sowohl technisch, als auch finanziell nur in sehr begrenztem Umfange möglich. Verglichen mit der Bundesrepublik ist der sukzessive Austausch von Arbeit durch Kapital (Maschinen) weder möglich noch nötig, da die Arbeitskraft in Pakistan einen der geringsten Kostenfaktoren darstellt.

Die Vielseitigkeit des Betriebes mit seinen verschiedenen Betriebszweigen (mehrseitiger Betrieb) dient vor allem dem Risikoausgleich. Hierzu gehört auch die vielleicht etwas untypische Fischzucht. Dort viel besonders die Beschaffenheit der Fischbecken auf. In einer Ebene gelegen wurden die Becken nicht unterhalb der Geländeoberfläche angelegt, sondern mit Hilfe von massiven Lehmdämmen wird der Wasserspiegel oberhalb des Umlandes gehalten. Hier nahmen wir den typischen, pakistanischen Freundschaftstee ein und bedankten uns bei dem Besitzer für den Einblick in “modern pakistani agriculture“. Im Anschluss an den Ausflug in die Landwirtschaft besuchten wir noch einen Basar in Multan, um uns mit Andenken und pakistanischem Krimskrams einzudecken.

Den Abend beschlossen wir im Hotel bei einem hervorragenden Buffet und besonderen pakistanischen Köstlichkeiten.


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