Dienstag, 30. September

 Karachi - Chaukandi - Banbhore - Thatta

Birte Wörner; Sascha Timm

 
PakistanMorgens um sieben Uhr ging es auf dem alten National Highway (nach Hyderabad) gen Osten. In Karachi fiel uns das weithin sichtbare Quaid-E-Azam-Mausoleum des Gründers von Pakistan und ersten Präsidenten Muhammad Ali-Jinnah auf. Auf einem Hügel errichtet zählt das 35 m hohe, aus Marmor erbaute Grab wohl zu den markantesten Bauwerken Karachis. 

Weiter ging die Fahrt über die Kaidawat-Brücke, von der aus wir erste kleine Squatter-Siedlungen entlang der Straße entdeckten. Auf einer zum Teil brennenden Müllhalde nahe der Straße bemerkten wir einige Menschen, möglicherweise Müllsucher, die hier nach verwertbaren Materialien suchten. Wie der Müll dorthin gekommen war, blieb allerdings ein Rätsel. Zwar lag überall, gerade am Stadtrand, Müll am Straßenrand, nie aber sahen wir Müllberge in der Stadt, so daß es wohl eine Müllabfuhr zu geben scheint.

Nach ca. 30 km Fahrt durch die trockene, halbwüsten- bis wüstenartige Landschaft erreichten wir dann unserer erstes Ziel, das Gräberfeld von Chaukandi, nur wenige 100 m von der Straße entfernt.

Chaukandi wird bereits seit vorislamischer Zeit als Grabstätte genutzt, die typischen kastenförmigen Grabmäler aus braungelbem Sandstein entstanden jedoch erst seit Anfang des 16. Jahrhunderts. Viele Herrscher, Künstler und Heilige sollen hier begraben sein. 

PakistanDie Gräber im älteren Teil des Friedhofes sind kunstvoll mit abstrakten Mustern verziert, wobei sich die Grabmäler der Männer mit ihren Reiter- und Säbelverzierungen von den mit Schmuckornamenten geschmückten Gräbern der Frauen unterscheiden. Besonders auffallend ist außerdem die Erhebung auf den Gräbern der Männer, die einen Hut symbolisieren soll.

Die Weiterfahrt auf dem National Highway führte uns am modernen Hafen Port Qasim und dem größten Stahlwerk Pakistans vorbei. Bei der Standortwahl der Fabrik dürften die Transportkosten wohl der ausschlaggebende Faktor gewesen sein: da Pakistan über keine größeren Steinkohlevorkommen verfügt, muß der gesamte Bedarf per Schiff importiert werden.

Für die Arbeiter wurden Settlements in der Nähe des Stahlwerks errichtet, denen sich, dem Highway folgend, Reislager, Hühnerfarmen, eine Zement- und eine Chemiefabrik anschlossen.

Bei einem Zwischenstopp in der Halbwüste (ca. 200 mm Niederschlag im Jahr) konnten wir  die weitgehend kahle, nur von kleinen Sträuchern und Gräsern bedeckte Landschaft erstmals aus der Nähe betrachten. Neben den ausgeprägten Erosionsrinnen stellen die Xerophyten (Trockenpflanzen) das wohl charakteristische Element dieser Landschaft dar. Sie können das Wasser, das sie zum Leben brauchen, speichern  (Stamm- oder Blattsukkulenz) und/oder durch Behaarung, Wachsüberzug der Blätter, Dornenbildung oder Dickblättrigkeit ihre Transpiration einschränken. Überwiegend handelte es sich um Wolfsmilchgewächse (Euphorbiacae), deren Stammsukkulenz beim Abschlagen eines Pflanzenteils durch Austreten weißlichen Saftes deutlich wird. Außerdem fanden wir Dornengewächse (z.B. Mimosa Arcacia, erkennbar an den doppelt gefiederten Blättern) vor.

Nachdem wir unsere erste Straßensperre unter den wachsamen Augen der Polizisten passiert hatten, erreichten wir, etwa 65 km von Karachi entfernt, unser zweites großes Ziel: die Ruinenstadt Banbhore mit ihrem archäologischen Museum.

Banbhore, angeblich von Alexander dem Großen angelegt, war seit dem 1.Jahrhundert v.Chr. ein wichtiger befestigter Hafenplatz, der durch eine Verlagerung des Indus-Laufes im 13.Jh. seine Bedeutung verlor. Wahrscheinlich ist Banbhore identisch mit der Hafenstadt Debal, die um 711 n.Chr. von den Arabern um Muhammad Ibn Al-Qasim als erste Stadt in Sindh erobert wurde. Ausgrabungen, mit denen 1958 begonnen wurde, brachten die Fundstücke dreier Bauperioden ans Tageslicht. Diese Reste der hellenistisch-buddhistischen, hinduistischen und frühislamischen Zeit (Münzen, Schmuck, Tongefäße etc.) konnten wir im kleinen Museum begutachten.

Banbhore soll die älteste Moschee Südasiens (ca. 727 n.Chr. erbaut) besitzen, deren Umrisse noch heute deutlich erkennbar sind.

Weiter ging es nach Thatta, etwa 100 km östlich von Karachi. Heute eine Kleinstadt, war Thatta (erbaut um 1340 n.Chr.) im Mittelalter ein bedeutendes Handelszentrum und die Hauptstadt des Sindh. Berühmt ist Thatta jedoch noch heute für die Schah Jehan-Moschee, die zwischen 1644 und 1647 errichtet wurde.

Wir trafen kurz vor dem Mittagsgebet ein, hatten aber noch genug Zeit, nachdem wir unsere Schuhe vor dem Eingang zurückgelassen hatten, barfuß die imposante Moschee mit ihren Backsteinmauern und blau-weißen, mit Blumenmotiven verzierten Kacheln zu erkunden, bevor die Rufe des Muezzin die Gläubigen zum Gebet aufriefen und wir die Moschee verlassen mußten.

PakistanIn Thatta selbst hatten wir dann bei einer Mittagspause etwas Zeit, um auf eigene Faust den kleinen Bazar zu besuchen und unsere ersten Erfahrungen mit pakistanischen Händlern und original pakistanischen Essenständen zu machen. 

Auf zum Indus, dem heiligen Fluß, der Indien und der Provinz Sindh ihre Namen gegeben hat und uns noch die ganze Reise über begleiten sollte.

Zu Fuß überquerten wir eine ca. 3 km lange Brücke, neugierig beäugt von den wenigen vorbeifahrenden Autofahrern. Der Indus floß behäbig unter uns dahin; z.Z. führte der Indus nicht sehr viel Wasser; frühere, höhere Wasserstände waren jedoch deutlich an der Terrassierung der Ufer ablesbar.

Am rechten Ufer des Indus bemerkten wir außerdem, daß sich auf den Sandbänken anscheinend einige Fischer mit ihren Familien niedergelassen haben.

Die Rückfahrt nach Karachi führte entlang zahlreicher Reis- und Zuckerrohrfelder, zwischen denen oftmals kleine und große Bewässerungskanäle sichtbar waren. Die Bewässerung spielt hier, im südlichen Sindh, eine herausragende Rolle für die Landwirtschaft. Ohne den Ausbau des Bewässerungssystems in den 80er Jahren, das Wasser aus dem Indus heran führt, wäre in Anbau nicht möglich. Allerdings gibt es auch zahlreiche negative Auswirkungen: durch die Bewässerung liegt der Grundwasserspiegel in vielen Gebieten mittlerweile sehr hoch, wie die am Straßenrand stehenden Tamarisken anzeigen. Bodenversalzung ist deshalb ein oft zu beobachtendes Problem. Das Grundwasser steigt kapillar nach oben, wo durch die hohe Verdunstung  die gelösten Salze ausfallen und sich an der Oberfläche als Krusten anreichern.

Deshalb sind viele Bauern dazu gezwungen ihre Felder aufzugeben, eine Tatsache die wir vom Bus aus gut beobachten konnten.

Bei einem Stopp nahmen wir die Gelegenheit wahr, einen Blick auf die Anbaufrüchte zu werfen. Auf einem Feld konnten viele von uns das erste Mal Reis hautnah erleben und anfassen. In diesem Fall handelte es sich um Basmati-Reis. Daneben wurden Mangos, Bananen und Kokosnüsse angebaut. Des weiteren viel uns der Eukalyptus auf, der in Pakistan ja eigentlich nicht heimisch ist.

Zum Abschluß des Tages fuhren wir nach Clifton einen der Nobelvororte Karachis. Hier bekamen wir einen Einblick in das Leben der reichen Leute Pakistans, das sich in Form von prunkvollen Villen darstellt, die aber seltsamerweise kaum über ein größeres Grundstück bzw. Garten verfügten. Leider wird ein großer Teil der Schönheit der Häuser hinter dicken Mauern versteckt, damit sich auch die Frauen draußen aufhalten können.

Ein Eindruck dazu aus dem INDEPENDENT ON SUNDAY vom 19.Oktober 1997: ”[...]in a district of Karachi called Clifton. It’s on the seaside, but on an ocean where if you swim you die. Clifton is full of rich people like the Bhuttos. They build pseudo-classical wedding-cake villas with good strong walls and guards loafing by the entrances, and they don’t give a damn about the neighbourhood, let alone the trouserless masses far away. The place is swirling with plastic litter and feels completely unloved. Here you step from a villa to air-conditioned Mercedes and glide away.” (Seite 20)

Am kilometerlangen Strand von Clifton konnten wir dann den Sonnenuntergang miterleben.

Abgesehen von uns waren nur wenige Touristen am Strand. Wahrscheinlich ist dieses am Wochenende jedoch anders, denn neben Getränkehändlern warteten auch mehrere Kamelführer auf zahlende Kundschaft.


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