Polen-Exkursion 1999 "Naturschutz und Landschaftsentwicklung"

Der Bialowieza Nationalpark in Polen

Übung "Naturschutz und Landschaftsentwicklung" des Instituts für Wasserwirtschaft und Landschaftsentwicklung der Universität Kiel



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Biosphärenreservat Schorfheide

Der Bialowieza-Nationalpark in Polen

Von Bialowieza ins Biebza-Gebiet

Biebza Nationalpark

Wielkopolski Nationalpark

NSG Heilig Hallen

Fotos

 

Institut für Wasserwirtschaft und Landschaftsökologie
(heute Ökologiezentrum der Uni Kiel)

Uni Kiel

 

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Antonia Wanner

1. Der Bialowieza-Urwald:

Der Wald von Bialowieza an der Nordostgrenze Polens hat eine Gesamtfläche von ca. 1500 km², von denen ca. 40 % in Polen und ca. 60 % in Weißrußland liegen. Fast 24 % des polnischen Teils stehen unter Schutz (als Nationalpark, Naturschutzgebiete, Schutzzonen um Nester bestimmter Vogelarten etc.).

Als Quellen nutzte ich neben verschiedenen Zeitschriftenartikeln eine Arbeit von Adriana Niewiadomska (Juni 1999): "Nature Protection and Improvement of Economic Situation - Could Tourism bring a Balance?" (am Department of Ecological Agriculture, Wageningen Agricultural University, The Netherlands), in deren Rahmen u.a. Umfragen in der Bevölkerung der Region durchgeführt wurden. Einige Informationen erhielt ich von Leuten vor Ort bei einem Praktikumsaufenthalt im Sommer 1997 - es sind also nicht alle Angaben "wissenschaftlich fundiert"!

 

2. Geschichte:

Ab 1589: Nutzung als Wildgehege nur für die polnische königliche Familie, allg. aufgrund des sehr feuchten und unzugänglichen Geländes fand (fast) keine Holznutzung statt.

1795: nach der 3. Teilung Polens nutzten die russischen Zaren den Wald als privates Jagdrevier. Aus dieser Zeit stammen auch der Palast (der nicht mehr existiert) und der Palastpark. (Unsere Unterkunft befand sich in dessen Nahe im ehemaligen Pferdestall des Zaren).

Die Russen teilten den Wald in Forstkompartimente ein von je einem Werst (altes russisches Längenmaß, entspricht 1066,8 m) Länge und Breite. An diesen Forstlinien entlang verlaufen die meisten Wege und Straßen in Nord-Süd- oder Ost-West-Richtung. Die Steine mit den Kompartiment-Nummern alle 250/500 m erleichtern heute neben den Forstleuten auch den WissenschaftlerInnen die Orientierung, der ganze Eindruck ist aber erst einmal etwas befremdlich, wenn man sich in einem "Urwald" befindet.

1914 - 1918: 1. Weltkrieg

Die Deutschen waren gründlich: sie schlugen zwischen 1915 -1918 5 mio km³ Holz und transportierten es auf dem eigens dafür gebauten Eisenbahnnetz (ist z.T. noch zu sehen, und eine kurze Strecke fährt eine kleine Touristenbahn darauf, es erleicherterte nachher auch den Wegebau) aus dem Wald ab.

Vor dem Krieg gab es noch ca. 700 Wisente, während des Krieges ging der Bestand stark zurück, bis 1919 das letzte wilde Wisent getötet wurde.

Nach Kriegsende ging das Gebiet an Polen.

1921 wurde ein Schutzgebiet von 45,3 km² (das heutige Totalreservat) eingerichtet: 1000 ha waren von Beginn an strenges Reservat, im restlichen Gebiet war die Entnahme von totem Nadelholz (als Brennholz genutzt) erlaubt.

1932 wurde der Nationalpark (NP) eröffnet, das schon geschützte Gebiet stand nun komplett unter totalem Schutz. In derselben Zeit begann man, die Wisente mit Tieren aus der Gefangenschaft wieder zu züchten.

1939: deutsche Besetzung: die Wildtiere wurden durch Hermann Göring geschützt, der aus dem Wald nach dem Krieg ein privates Jagdgehege machen wollte.

1947 wurde der Nationalpark wiederhergestellt (mit wissenschaftlichem Beratergremium), und es wurden ständige Forschungsgebiete eingerichtet.

1977 UNESCO-Biosphärenreservat

1979 UNESCO-Liste der World Heritage Sites

1996 Vergrößerung auf ca.100 km² (dazu kamen Gebiete um die das Totalreservat begrenzenden Flüsse und ein Stück ehemaliger Wirtschaftswald im Norden etc.)

 

3. Und auf der anderen Seite? - Der weißrussische Teil des Waldes

In Weißrußland steht ein sehr viel größeres Gebiet unter Schutz (d.h wird nicht forstlich genutzt), aber z.B. das Wild ist dort nicht geschützt, wird dort stärker bejagt und auch gewildert - u.a. wohl aufgrund der schlechten Versorgungslage und des niedrigen Lebensstandards der weißrussischen Bevölkerung.

In Zahlen:

1981 (Beginn der Solidarnosc in Polen) wurde auf weißrussischer Seite ein 2 m hoher Stacheldrahtzaun in einigen km Entfernung von der eigentlichen Grenze gebaut. Das Gebiet dazwischen ist "am besten" vor menschlichem Einfluss geschützt, der Zaun stellt aber auch eine Barriere für große Tiere (Wild, Wisente) dar (die Wölfe und Luchse können ihn über- oder unterqueren).

Die Grenze ist immer noch ziemlich abgeriegelt, der nächste Übergang ist ca 100 km nördlich. Die WissenschaftlerInnen haben zwar Kontakt, aber keine gemeinsamen Projekte und können ihre Arbeit nicht jenseits der Grenze fortsetzen (z.B.Telemetrie der Wölfe).

 

4. Das (polnische) Nationalparkgebiet:

Pflanzen:

Tiere:

Größe:

Im Totalreservat herrscht eine hohe Wilddichte, da dort am wenigsten Störungen vorkommen, die Tiere äsen aber v.a. draußen.

Das Totalreservat ist zu klein für z.B. Luchs und Wolf: deren Reviere gehen weit über den NP hinaus, ebenfalls zu klein für die Bisons und das Wild, die auch pendeln zwischen "drinnen" und "draußen".

Mein spontaner Eindruck des Totalreservates war:

- damit verbindet sich die Frage: Was ist "natürlich"?

(Einerseits: hier kommen, im Gegensatz zu den vorher besuchten Gebieten wie z.B. dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, die großen Räuber wie Wolf und Luchs vor. Andererseits: auch hier wird der Wildbestand reguliert (Jagd nur außerhalb des NP und auch der Bestand der Wisente wird auf einer bestimmten Stückzahl konstant gehalten!)

 

5. Management des ganzen Waldes:

Der Rest des Waldes ähnelt stärker einem deutschen Wirtschaftswald: es gibt z.T. (kleine) Kahlschläge ebenso wie Aufforstungen (auch reine Fichtenschonungen...).

Zum Management der Forstwirtschaft:

Jagd:

Es wird eine bestimmte "Kapazität" festgelegt, wieviele Tiere der Wald "ernähren kann" (diese wird abhängig gemacht von beobachteten Schäden, die das Wild im Wald anrichtet),

 

6. soziale und ökonomische Situation

Bevölkerungsstruktur, ökonomische Situation

1998 lebten ca. 56000 Einwohner (EW) im Gebiet des Waldes, davon:

Altersstruktur: Auffällig ist, daß dort viele alte Leute, aber relativ wenig junge leben (z.B. ein Dorf: Masiewo II: von 49 EW sind 2 unter 18 J., 17 über 60/65 J.)

Im Alter von 18 - 60/65 gibt es einen hohen Männerüberschuß (in allen dörflichen Gegenden Polens, aber hier besonders stark), der z.T. auch zu sozialen Problemen führen kann.

Die Situation ist charakteristisch für eine Grenzregion: es leben dort viele Weißrussen, 60 % der EW sind orthodox, 30% katholisch, während im übrigen Polen 99 % katholisch sind. Der örtliche Dialekt ist ein Gemisch aus Weißrussisch und Polnisch.

Nutzung des Waldes durch die lokale Bevölkerung

Landwirtschaft

Die Landwirtschaft war neben der Forstwirtschaft die wichtigste Aktivität. Heute wird jedoch ein Großteil des Landes nicht mehr genutzt (die meisten haben sehr kleine Flächen, im Durchschnitt 1-2 ha), im besten Falle noch zur eigenen Versorgung oder es verkauft mal jemand neben seinen Auto Möhren, Tomaten oder Pflaumen.

Die Landwirtschaft wurde/wird traditionell betrieben, d.h. ohne oder fast ohne künstliche Düngung und Pestizide, eine offizielle Vermarktung als Produkte aus ökologischem Landbau erfolgt jedoch nicht, da, wie Befragte angaben, die Zertifizierung zu teuer sei.

Probleme bereiten die schlechten Böden und hohe Wildschäden (die zwar finanziell kompensiert werden, aber meist zu 0 % Ertrag führen).

Zudem wird (bei einer Umfrage) kein Markt für die Produkte gesehen.

 

7. Vergrößerung des Nationalparks

Bei der NP-Vergrößerung von 1996 gab es bereits Probleme: die Kommunen verloren Einkommen aus Steuern (der NP bringt nur 25 % der Steuern des kommerziell genutzten Waldes) und v.a. wurden Versprechungen, die z.B. Geld für die Modernisierung bzw. Erneuerung von Infrastruktur (z.B. Abwasser) betrafen, z.T. nicht gehalten

Nun ist zum 1.1. 2000 eine Vergrößerung des NP auf den gesamten Wald geplant. Damit sind Befürchtungen verknüpft bzgl.

Der NP-Direktor will die Vergrößerung:

Das Management soll in der Zukunft entwickelt werden:

 

8. unsere Pläne vor Ort:

Gespräch mit Vertretern des Vegetationskundlichen Institutes,

Treffen mit zwei Leuten vom Säugetierkundlichen Institut, die Untersuchungen durchführen an:

Und natürlich: Auf in den Urwald!


Naturschutz und Landschaftsentwicklung • Institut für Wasserwirtschaft und Landschaftentwicklung der Uni Kiel (heute Ökologiezentrum) • 1999


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