Polen-Exkursion 1999 "Naturschutz und Landschaftsentwicklung"

Das Naturschutzgebiet Heilige Hallen

Übung "Naturschutz und Landschaftsentwicklung" des Instituts für Wasserwirtschaft und Landschaftsentwicklung der Universität Kiel



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NSG Heilig Hallen

Fotos

 

Institut für Wasserwirtschaft und Landschaftsökologie
(heute Ökologiezentrum der Uni Kiel)

Uni Kiel

 

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N.N.

Das NSG Heilige Hallen liegt im Kreis Neustrelitz ca. 3,5 km westlich von Feldberg im Woldegk-Feldberger Hügelland, einer Teillandschaft im Rückland der Mecklenburger Seenplatte. Diese Schutzgebiet befindet sich inmitten eines ausgedehnten Waldgebietes und umfaßt eine Fläche von 65ha. Das Kerngebiet, Ein Naturwaldreservat von 25,6 ha, schützt einen 300jährigen Perlgras-Buchenwald (Melico-Fagetum), den ältesten Buchenwald Deutschlands.

Das Gebiet um die "Heiligen Hallen" stellt einen Hauptmoränenzug des Pommerschen Stadiums der Weichseleiszeit (Jungpleistozän) dar. Recht kuppiges und zuweilen stark hängig ausgeformtes Relief mit zahlreichen Senken und mächtigen Findlingen sind Zeugen dieser Entstehungsgeschichte.

Es überwiegen sandige und lehmige Böden unterschiedlicher Mächtigkeit und Trophie ohne spürbaren Grundwassereinfluß; insgesamt herrschen kräftig-frische Standortsbedingungen vor.

Gegenüber dem subkontinentalen Klima der Umgebung herrscht hier das mehr atlantisch geprägte Klima vor, das sonst für das nördliche Mecklenburg gilt.

Vegetatonsgeographisch ist das Gebiet als (Traubeneichen-) Buchenwald-Landschaft mit Melico-Fagetum und Majantemo-Fagetum als großflächig vorherrschenden natürlichen Waldgesellschaften gekennzeichnet.

Die Leitgesellschaft der "Heiligen Hallen" ist der Perlgras-Buchenwald (Melico-Fagetum) in relativ einheitlicher Zusammensetzung mit Rotbuche (Fagus sylvatica), Perlgras (Melica uniflora), Sauerklee (Oxalis acetosella), Goldnessel (Galeobdolon luteum), Wald-Veilchen (Viola reichenbachiana), Rührmichnichtan (Impatiens noli-tangere), Buschwindröschen (Anemone nemorosa), Dornfarn (Dryopteris carthusiana), Hexenkraut (Circea lutea). An Verlichtungen dominieren Brennessel (Urtica dioica) und Himbeere (Rubus idaeus). An Senkenrändern und auf Kuppen treten durch regelmäßige Laubverblasung und Aushagerung kleinflächig Bestände von Weißmoos-Blaubeer-Buchenwald mit Polytrichum formosum und Leucobryum glaucum auf.

Floristische Seltenheiten bzw. Besonderheiten fehlen. Das Artenspektrum der Buchenwaldpflanzen wird durch Sumpfpflanzen, u.a. Sumpfcalla (Calla palustris), in den vermoorten Senken, sogenannten Kesselmooren, etwas bereichert. Bestandslücken und insbesondere die Wurzelteller entwurzelter Bäume bieten Möglichkeiten zur zeitweiligen Ansiedlung einiger lichtliebender Pflanzen wie Hängebirke (Betulus pendula) und Salweide (Salix caprea).

Um 1850 verfügte der Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz den majestätischen Buchenwald bei Lüttenhagen für alle Zeiten zu schonen. Seither wurde in diesem Wald keine geregelte Nutzung mehr durchgeführt.

Der Name "Heilige Hallen", entstanden um 1872, läßt sich durch den optischen Eindruck erklären, den der Buchenbestand am Ende seiner Optimalphase vermittelte. Dichtstand, Geradschaftigkeit, starkes Höhen- und Durchmesserwachstum ließen die Stämme wie Säulen eines gotischen Domes erscheinen; darüber erstreckte sich das grüne Kronendach.

Auf dieser Basis des romantischen Naturalismus entwickelten sich in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ernste Naturschutzbestrebungen, und so erfolgte nach dem Erscheinen des Reichsnaturschutzgesetzes 1935 und der Reichsnaturschutzverordnung 1936 am 24.02.1938 die Erklärung der "Heiligen Hallen" zum Naturschutzgebiet (25,6 ha). Die Totholznutzung wurde erst um 1950 völlig eingestellt; damals begannen die ersten wissenschaftlichen vegetationskundlichen Untersuchungen.

Das Gebiet war nun aus der Alterungsphase in die Zerfalls- und Verjüngungsphase eingetreten. Wenn es zunächst das Leistungsvermögen eines baltischen Perlgras-Buchenwaldes (Melico-Fagetum) mit Oberhöhen von über 50m und Maximal-Umfängen von über 4m war, welches den Besucher in Erstaunen versetzte, so wandelten sich die Betrachtungsweise und das Schutzziel inzwischen vom statischen Bewahren zur dynamischen Entwicklung der Natur und ihrer ungestörten Abläufe.

1989 erfolgte die Erweiterung des Schutzgürtels (65ha) um das engere NSG durch die Forstverwaltung.

Naturwaldreservate sind von ihrer Zweckbestimmung her "Freilandlaboratorien" in denen sich Natur von menschlichen Einflüssen ungestört nach den ihr eigenen Gesetzen entfalten kann. Der Mensch ist hier nur als Betrachter zugelassen. Naturwaldreservate sind als "Totalreservate" soweit unbeeinflußt, Wie das in Mitteleuropa heute überhaupt noch möglich ist (nicht kontrollierbar sind beispielsweise Immisionseinwirkungen).

Das Hauptziel der Forschung liegt in der Erforschung der Struktur und Dynamik dieser Waldlebensgemeinschaften. Die zeitlichen und räumlichen Veränderungen (Sukzession, Populationsentwicklung, Bodenentwicklung, Alterungs- und Verjüngungsprozesse stehen dabei im Mittelpunkt.

Seit Anfang der sechziger Jahre werden strukturanalytische Untersuchungen durchgeführt, die deutlich machen, daß der Hallenwald ungleichaltrig ist, aber für etwa 100 Jahre hallenartige Struktur bilden kann, bis die ältesten Bäume zusammenbrechen. Der Zusammenbruch des Waldes erfolgt kleinflächig und zeitlich gestaffelt, die Erneuerung des Bestandes horst- und gruppenweise in den Lücken zusammengebrochener Altbäume.

Folgende Entwicklungsphasen des Perlgras-Buchenwaldes können unterschieden werden:

1) Optimalphase: Dies ist die erste Phase als Bestand aus vollentwickelten Bäumen. Der Bestand ist kaum geschichtet, das Kronendach geschlossen, die Buchen hochwüchsig und schlank. Die Krautschicht ist in typischer Zusammensetzung entwickelt. Jungwuchs von Fagus fehlt ganz. Diese Optimalphase geht fließend über in die

2) Terminalphase: Ein hochwüchsiger "Hallenwald" aus Bäumen maximaler Höhe und Stammstärke. Kronendurchmesser von 20m sind keine Seltenheit. Die Stämme sind säulenartig ohne Wasserreiser. Das Kronendach ist geschlossen, die Krautschicht schwach jedoch typisch. Jungwuchs von Fagus fehlt nahezu ganz. Einzelne Windwurfflächen werden noch durch verstärktes Wachstum der Kronen benachbarter Bäume geschlossen. Mit dieser Phase erreicht der Perlgras-Buchenwald seinen stabilsten und reifsten Zustand vor dem allmählichen Eintritt in die

3) Zerfallsphase: Der Zerfall des "Hallenwaldes" erfolgt phasenhaft und erstreckt sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten: Pilzbefall - Kronenverlichtung - Abbrechen großer Kronenäste - teilweise Kompensation durch Ausbildung von Klebästen - Herabbrechen ganzer Kronen und Entwurzeln von Bäumen - Aufreißen von Wurzelgruben und Aufwerfen von Wurzeltellern - Aufreißen des Kronendaches und Vermodern toten Holzes am Waldboden.

Lichtklima am Waldboden (plötzlicher starker Lichteinfall), Luftbewegung und Zirkulation (Windstille in bodennaher Luftschicht) und Nährstoffsituation (Nährstoffschub aus vermoderndem Holz) werden plötzlich drastisch verändert. Erst jetzt entstehen Bedingungen für eine selbständige Erneuerung des Systems "Buchenwald". Zusammenbruch und Erneuerung greifen zeitlich und räumlich unmittelbar ineinander, die Zerfallsphase geht fließend über in die

4) Verjüngungsphase: Die neuen Bedingungen ermöglichen die rasche Entwicklung üppiger Nitrophyten-fluren. Diese Phase ist nur von kurzer Dauer. Fagus keimt in großer Menge in den windstillen Lücken zwischen totem Holz und gewissermaßen im Schutze der Nitrophytenflur wächst die Verjüngung des Buchenwaldes auf. Die Verjüngungshorste der Buche sind sehr dicht. Während des Aufwachsens zu älterem Dickicht wird die Stammzahl durch intraspezifische Konkurrenz scharf reduziert. Im jungen und älteren Stangenholz wird die Stammzahl weiter reduziert bis allmählich der Übergang zur Optimalphase erfolgt. Während der Verjüngungsphase ist wegen starker Beschattung des Waldbodens keine Krautschicht ausgebildet, sie entwickelt sich erst in der Optimalphase.

Die Verjüngung des Perlgras-Buchenwaldes erfolgt demnach gesetzmäßig und zum "richtigen Zeitpunkt in kurzgeschlossenem Zyklus ohne Zwischenschaltung anderer Baumarten. Dieser Regenerationszyklus ist ein entscheidender Mechanismus zur Stabilisierung des Perlgras-Buchenwaldes als "Klimax"-Vegetation.

Klimax-Buchenwald ist dabei als Gesamtheit aller Entwicklungsphasen in räumlicher (Mosaik) wie zeitlicher (Phasenzyklus) Verknüpfung aufzufassen.

Die Frage nach dem Naturschutzwert unterschiedlicher Entwicklungsphase von Buchenwäldern läßt sich dahingehend beantworten, das Terminal- bzw. Zerfallsphase die höchste biologische Diversität und damit den höchsten Naturschutzwert aufweisen.

Literatur:

Forstamt Lüttenhagen: Faltblätter zum NSG Heilige Hallen

Knapp, H.D.; L. Jeschke (1991): Naturwaldreservate und Naturwaldforschung in den ostdeutschen Bundesländern. Schriftenreihe für Vegetationskunde Bonn - Bad Godesberg, 21, S.21-54


Naturschutz und Landschaftsentwicklung • Institut für Wasserwirtschaft und Landschaftentwicklung der Uni Kiel (heute Ökologiezentrum) • 1999


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