Polen-Exkursion 1999 "Naturschutz und Landschaftsentwicklung"

Biosphärenreservat Schorfheide

Übung "Naturschutz und Landschaftsentwicklung" des Instituts für Wasserwirtschaft und Landschaftsentwicklung der Universität Kiel



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Biosphärenreservat Schorfheide

Der Bialowieza-Nationalpark in Polen

Von Bialowieza ins Biebza-Gebiet

Biebza Nationalpark

Wielkopolski Nationalpark

NSG Heilig Hallen

Fotos

 

Institut für Wasserwirtschaft und Landschaftsökologie
(heute Ökologiezentrum der Uni Kiel)

Uni Kiel

 

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Ben Schmehe

Mittwoch, 28.07.1999

Allgemeines

An diesem Tag wurden wir durch Dr. Matthias Hörmann, einem Mitarbeiter des Biosphärenreservats Schorfheide, geführt. Nach einer allgemeinen Einführung in die Ziele und Arbeitsweise des Reservats besuchten wir einige besonders interessante Stellen.

Bei Biosphärenreservaten wird ausprobiert, wie man Ziele des Naturschutzes mit der Landwirtschaft und anderen Nutzungen (z.B. Tourismus) vereinbaren kann.

Die vier Hauptanliegen von Biosphärenreservaten sind die Erhaltung des genetischen Materials und der Ökosysteme, ihre Erforschung, die Beobachtung ihrer Veränderung durch menschliche Tätigkeit und die Verbindung von Umwelt und Entwicklung der Biosphärenreservate.

Damit ein Gebiet als Biosphärenreservat anerkannt wird, muß es zunächst einmal ein repräsentativer Ausschnitt einer bestimmten Landschaft sein.

Das Gebiet Schorfheide-Chorin gilt als repräsentativer Ausschnitt des Nordostdeutschen Tieflands. Die Landschaft wurde von der letzten Eiszeit geformt und beinhaltet auf engstem Raum die typische glaziale Abfolge mit Grundmoräne (Flachseen), Endmoräne (mit Kesselmooren), Sander, Talsand (mit Niedermooren), (Flußaue).

Die Anerkennung als Biosphärenreservat durch die UNESCO erfolgte am 16. 11. 1990.

Die Größe beträgt 1.291 km2 (ca. um 20% größer als die Stadtfläche von Berlin) und mit einer Einwohnerzahl von ca. 40.000 hat das Gebiet die geringste Einwohnerdichte (ca. 28 Einwohner pro km2) in Deutschland. Selbst in Polen gibt es nur wenige Gebiete, die so dünn besiedelt sind. Das Gebiet liegt ca. 75 km nordöstlich von Berlin

Das Reservat beheimatet seltene Tier- und Pflanzenarten, wie z.B. Seeadler, Fischadler, Kranich, Orchideen, Trollblume und Sumpfdorst.

Der Werbelliner See, der größte See des Reservats, wurde während der Weichseleiszeit als Rinnensee geschaffen. Auf den Sanderflächen dominieren Kiefern. Früher wuchsen dort Eiche–Rute–Wälder. Das Urstromtal liegt südlich des Reservats und verläuft von West nach Ost.

 

Zur Geschichte

Zur Kaiser-, NS-, und SED-Zeit waren die Wälder Jagdgebiete für die Oberschicht. Zu DDR-Zeiten hatte z.B. Mielke hier sein Jagdgebiet. Für „normale“ DDR-Bürger war das Gebiet gesperrt.

Zur alten Wirtschaftsstruktur der Uckermark gehören Ziegeleien deren Gebäude noch zu sehen sind. Mit der Wende kam der Zusammenbruch. Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem. Der größte Teil der Leute ist durch ABM-Stellen beschäftigt.

 

Aktuelle Situation und Probleme

Im Reservat gibt es eine gezielte Tourismuslenkung mit dem Werbelliner See als Hauptattraktion. Der Werbelliner See ist z.B. der einzige See im Reservat, der mit Motorbooten befahren werden darf. Zur Zeit funktioniert dieses Konzept noch sehr gut, aber für die Zukunft werden mehr Probleme erwartet, wenn der Besucherdruck steigt.

Der hohe Wildbestand in den Wäldern verhindert durch Verbiss ein hohes Artenreichetum der Wälder.

Vom Werbelliner See führt zum Grimnitzsee ein künstlicher Abfluß, wodurch der Wasserspiegel des Grimnitzsees absank. Durch Biberbauten wurde der Kanal dann aber aufgestaut und der Wasserspiegel des Grimnitzsees stieg wieder. Eine Folge davon war z.B. Wasser im Keller von nahen Anwohnern.

Nach der Wende wurden moderne Kläranlagen gebaut, deren Kapazität auf den Wasserverbrauch zu DDR-Zeiten berechnet wurde. Der Wasserverbrauch sank allerdings auf 1/5 des früheren Wertes. Als Folge gibt es nun überdimensionierte Kläranlagen und für den Einzelnen sehr hohe Abwassergebühren. Regional angepaßte Abwassermodellle wären hier besser gewesen.

In den Forstwirtschaftlich genutzten Gebieten wird nach dem Abholzen der Boden umgepflügt, um das Neukeimen zu erleichtern. Es ist allerdings umstritten, ob diese Methode sinnvoll ist. Teilweise werden Waldgebiete von Finnischen Firmen aufgekauft.

 

Besichtigungspunkte

Grimnitzsee:

Der Grimnitzsee ist der flächenmäßig der zweitgrößte See des Reservats, wird allerdings maximal vier Meter tief. An seinem Randbereich befinden sich Niedermoore und Pflanzenarten, die an wechselnde Wasserstände gewohnt sind. Durch einen Kanal zum Werbelliner See wurde der Wasserchemismus stark verändert.

Die ansässigen Landwirte am Grimnitzsee haben die Schwierigkeit, daß sie nur für tatsächlich landwirtschaftlich genutzte Flächen Agrarförderung erhalten. Die Schilfflächen am Seeufer wurden vom Katasteramt von der Förderung ausgenommen. Als Folge davon mußten die Landwirte Subventionen zurückzahlen. Das veranlaßte andere Bauern dazu ihre Schilfflächen niederzumähen.

Gerade in diesen Schilfflächen lebt aber die Rohrdommel, die in den letzten Jahren zahlenmäßig stark zurückgegangen ist. Deswegen wurde ein EU-Förderungsprojekt mit einem Etat von 3 Millionen Mark für die Rohrdommel ins Leben gerufen.

Das System müßte dahingehend abgewandelt werden, daß nur die Bauern Subventionen bekommen, die einen bestimmten Prozentsatz der Fläche natürlich belassen.

Der Tourismus in diesem Teil entwickelt sich verhalten und der Straßenausbau geht nur langsam voran, obwohl immerhin zunehmend Straßen mit Standstreifen gebaut werden. Neben fehlenden Geldmitteln gibt es eine Entscheidung, daß alte Pflasterstraßen in den Dörfern erhalten werden sollen. Das ist optisch zwar schön und kulturell wertvoll, aber die Lärmbelästigung steigt und für Fahrradfahrer ist es sehr unkomfortabel.

Nach der Wende gab es einen Trend die alten Alleebäume abzuholzen. Diese Entwicklung wurde aber durch Bürgerinitiativen abgewendet.

Wir besichtigten einige Gräben, die in den 30er und 70er Jahren angelegt wurden, um Toteisflächen zu entwässern. Da die Gräben zur Zeit zuwachsen, gibt es einen Konflikt, ob die Gräben erhalten werden sollen.

Die Flächen wurden zu DDR-Zeiten von Mielke gepflegt und nun stellt sich die Frage, wie die Flächen künftig genutzte werden sollen. Da die Flächen Grundwasserbildungsgebiet für Berlin sind, wäre Acker am besten. An Zweiter Stelle stehen Laubwälder und am wenigsten sind Kiefernwälder geeignet. Zur Zeit wachsen vorwiegend Kiefernwälder in dem Gebiet, aber es werden Pflegekonzepte für Magerrasen erstellt. Da aber ständig Geld fehlt, wäre eine Vereinigung von Berlin und Brandenburg zu einem Bundesland für die Erstellung von Konzepten vorteilhaft.

An der zweitältesten Buche wird das Gebiet von der Welse durchflossen. Die Rinde der Buchen wird von den ansässigen Bibern rundherum abgeschält. Dies geschieht allerdings nur bis zu 50 Meter vom Ufer entfernt. Es ist ein instinktives Verhalten aus der Zeit als die Biber noch von Wölfen gejagt wurden und schnell zum Wasser zurückgelangen mußten. Durch dieses Verhalten der Biber haben die Erlen am Ufer einen Vorteil und werden langfristig dort vorherrschen.

Vor einem alten Haus innerhalb des Reservates erklärte Dr. Hörmann das „MAB-Programm“ (Man and Biosphere) der UNESCO.

Biosphärenreservate sind ein Teil dieses Programms und in Brandenburg gibt es neben dem Biosphärenreservat Schorfheide auch noch die Biosphärenreservate Spreewald, welches eine Auenwaldlandschaft ist und Elbtalaue.

Die Naturparke des Ostens unterliegen strengeren Schutzkonzepten und haben allgemein weniger Tourismus als die Naturparke im Westen Deutschlands.

Durch den hohen Wildbestand und dem damit verbundenen Wildverbiß gibt es bis auf die Buchen keine natürliche Waldverjüngung mehr. Gerade im Westen, wo der Wald von Agrarflächen umgeben ist, gibt es besondere Probleme. Obwohl im Frühjahr von den Jägern 100 Stück Wild geschossen wurden, mußten die Jäger 100.000,-DM Strafe an die Landwirte zahlen, weil das Wild große Schäden auf den Feldern angerichtet hatte.

Die sogenannte Britzer Platte wurde früher wegen einer Schweinezucht extrem stark mit Gülle belastet. Schon nach wenigen Jahren wächst hier wegen der sehr hohen Auswaschung wieder Magerrasen.

Zur Verwaltung des Gebiets gehören 30 Personen. 300 weitere Leute sind über ABM-Stellen in der Naturwacht tätig. Die Naturschutzverwaltung sucht im Gebiet für jede Fläche spezifische Lösungen der Probleme. Das Problem in der Durchführung besteht darin, daß die Fläche der Reservats so groß ist, daß immer nur an den Stellen etwas passiert, wo die Mitarbeiter der Verwaltung wohnen.

Etwa 15 % der landwirtschaftlichen Flächen im Reservat gehören zur ökologischen Landwirtschaft. Bei der Viehhaltung herrscht die Mutterkuhhaltung vor, was zu Problemen wegen Unterviehbesatz führt. Milchwirtschaft spielt dabei keine Rolle.

Die Vermarktung der Landwirtschaftlichen Produkte erfolgt über eine eigene Regionalmarke. Will ein Betrieb für seine Produkte das Etikett der Regionalmarke haben, so ist ein Herkunfts- und ein Qualitätsnachweis für die Produkte notwendig.

Die Biosphärenreservate und Großschutzgebiete allgemein bieten mit ihrer Verwaltung optimale Chancen für die Planung und Durchführung von ökologisch verträglichen Nutzungsformen, weil sie die Möglichkeit haben, alle Nutzer und Interessensgruppen an den runden Tisch zu holen.


Naturschutz und Landschaftsentwicklung • Institut für Wasserwirtschaft und Landschaftentwicklung der Uni Kiel (heute Ökologiezentrum) • 1999


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